Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

ALPINKLETTERN LERNEN

Vom Sportklettern zum Alpinklettern

eine Schritt für Schritt Anleitung

Der Weg vom Sportklettern in das alpine Gelände braucht etwas Zeit. Hier gilt es vor allem neben dem Beherrschen einiger zusätzlicher Knoten und Seiltechniken, das Gespür für den Routenverlauf und das Anbringen von mobilen Sicherungen zu bekommen. Diese kleine Schritt für Schritt Anleitung wird dich auf die richtige Spur bringen.

Das Material zum Starten

Für den Wechsel vom Sportklettergarten in das alpine Gelände braucht es einiges an zusätzlichem Material. Um nicht auf einem Schlag eine Menge Geld investieren zu müssen, lass dein Materialdepot zusammen mit deinem Erfahrungswert wachsen. Hier gilt es lediglich an den richtigen Stellen anzufangen: Zu Beginn reicht die Investition in einen Kletterhelm, ein geeignetes Sicherungsgerät (ich benutze den Reverso von Petzl) sowie 2 Bandschlingen (60cm und 120cm), 2 Reepschnüre (1.5mt und 3mt.) und 2-3 verlängerbare Express. Alles keine allzu kostspieligen Investitionen. Du solltest das Gewicht deiner Ausrüstung beim Kauf im Hinterkopf haben, da bis zum Ende einiges an deinem Gurt hängen wird.

Damit hast du zusätzlich zu deiner Ausrüstung zum Sportklettern genügend Material für die ersten Versuche. 

 
Die Seil- und Sicherungstechnik

Das Material alleine reicht noch nicht aus: Bevor du in deine erste Route einsteigst, solltest du dir Gedanken darüber machen, wie das mit dem Sichern und mit dem Bauen geeigneter Standplätze funktioniert. Auch das Seil wirst du später austauschen und zwar aus folgenden Gründen: Im alpinen Gelände wird vorwiegend mit Halb- bzw. Zwillingsseilen geklettert. Sie bieten vor allem bei einem Rückzug den Vorteil, dass die vollen 60 Meter zum Abseilen zur Verfügung stehen. Oft ist es auch ratsam, die Seile einzeln in die Sicherungen einzuhängen um die Seilreibung zu verringern.

 

Für die ersten Versuche reicht ein Einfachseil.

Der Standplatz:

Beim Bau des Standplatzes sind deiner Fantasie kaum Grenzen gesetzt, solange

du dich an ein paar Grundregeln hältst:

  • 2 gute Sicherungspunkte

  • So einfach und übersichtlich wie möglich

  • Sollte schnell auf- und wieder abgebaut werden

  • Die Kräfte gleichmäßig auf deine Fixpunkte verteilen

Zum Verbinden der Sicherungspunkte gibt es mehrere Möglichkeiten,

die du je nach Art und Qualität der Fixpunkte wählen kannst:

  • Reihenschaltung

  • Kräfteverteilung

Die Reihenschaltung:

Eine Reihenschaltung ist vor allem bei Bohr- oder Klebehaken sinnvoll. Hier wird mittels eines Schraubkarabiners und eines Mastwurfs der untere Fixpunkt mit dem oberen verbunden. Hier lastet die ganze Kraft auf einem Fixpunkt, deshalb nur bei absolut zuverlässigen Fixpunkten zu empfehlen. Sollte dieser aber ausbrechen, geht die Kraft direkt ohne Fangstoß auf den zweiten Fixpunkt über.

Die Kräfteverteilung:

Die Kräfteverteilung kommt zum Einsatz, wenn mehrere Fixpunkte von fragwürdiger Qualität zu einem sicheren Standplatz verbunden werden sollen. Auch hier gilt es die richtige Technik zu verwenden, um beim Ausbrechen eines Fixpunktes die Belastung und den Fangstoß auf die verbliebenen Punkte so gering wie möglich zu halten.

Eine ausgezeichnete Beschreibung für die detaillierte Vorgehensweise findest du in dieser Broschüre des Deutschen Alpenvereins.

Die Seiltechnik:

Sobald du als Vorsteiger einen geeigneten Standplatz gebaut hast und dich selbst in diesem Fixpunkt gesichert hast, gilt es das deinem Seilpartner mitzuteilen. Das übliche Kommando hierfür ist: „STAND“. Für deinen Kletterpartner heißt das dass er dich aus der Sicherung nehmen kann und du das restliche Seil das noch am Boden liegt einziehen kannst. Der nächste Schritt ist das einhängen deines Seilpartners in das Sicherungsgerät und in den Standplatz damit du den Nachsteigenden sichern kannst. Hier kommt dein Reverso ins Spiel. Er kann sowohl für die Einfach- als auch für die Doppelseiltechnik verwendet werden.

 Auch hier wird in der Broschüre des Deutschen Alpenvereins so detailliert eingegangen dass dem nichts mehr hinzuzufügen ist.

 

 
Erste Schritte

Wichtig für den Einstieg ins Alpinklettern: Wähle die Routen am Anfang weit genug unter deinem Kletterlimit. Mindestens 2 Grade. Du wirst sehen dass die Bewertungen für Einsteiger recht knackig sind. Als Einstieg eignen sich mit Bohrhaken ausgestattete Mehrseillängenrouten hervorragend. Hier kannst du das Bauen der Standplätze sowie das Seilhandling üben und perfektionieren, ohne dir über die Routenfindung, das Legen von Zwischensicherungen oder die Bewertung der vorhandenen Zwischensicherungen Gedanken zu machen. Außerdem gewöhnst du dich an eine Menge Luft unterm Arsch. Sollten Zweifel aufkommen oder das Wetter umschlagen, ist ein Rückzug aus diesen Routen meistens ohne Probleme möglich. Achte bei der Auswahl der Routen darauf, ob im Topo oder der Routenbeschreibung eine Abseilpiste über die Route eingezeichnet ist. Bei Quergängen solltest du dir im Klaren sein, dass der Weg nach unten über die Route versperrt ist. Hier gibt es nur die Flucht nach vorne. Tragisches und berühmtestes Beispiel: der Hinterstoisser Quergang und der Versuch der Erstbesteigung in der Eiger Nordwand 1936.

Für die ersten Versuche in diesen sportlichen Mehrseillängenrouten reicht ein Einfachseil aus. Beachte aber im Falle eines Rückzugs dass dir bei einem 60mt. Seil lediglich 30 mt. Abseilstrecke zur Verfügung stehen. Viele Abseilpisten sind darauf ausgerichtet, aber bei Weitem nicht alle.

Das Abseilen:

Nach oben kommen ist lediglich die halbe Miete. Die Abstiege im alpinen Gelände sind meistens abenteuerlich, verlangen absolute Trittsicherheit und sind vor allem in den Dolomiten kaum weniger anspruchsvoll als der Weg nach oben. Oft sind beim Abstieg auch immer wieder Abseilmanöver erforderlich. Bevor du über den Abgrund seilst solltest du dir über diese Punkte im Klaren sein:

  • Sind die Fixpunkte der Abseilstelle sicher?

  • Wie lang ist die Abseilstrecke bis zum Grund oder zum nächsten Standplatz?

  • Wie weit kann ich mit dem vorhandenen Material abseilen?

Sobald diese Punkte geklärt sind kannst du beginnen:

  • Hänge dich zunächst mit einer Selbstsicherung in den Standplatz damit du sicher arbeiten kannst.

  • Mit dem Einfachseil: Durchfädeln und durchziehen eines Seilendes in den Fixpunkt bis zur Seilmitte.

  • Mit den Halb- bzw. Zwillingsseilen: Binde jeweils ein Seilende der beiden Seile mittels eines Sackstichs zusammen (Achte auf genügend Seilrest hinter dem Knoten (min. 20-30 cm) und ziehe alle 4 Enden separat fest.

  • Bevor das Seil Auswirfst bindest du noch einen Sackstich an die beiden Seilenden um ein Abseilen über das Ende des Seils hinaus zu verhindern. Die Folgen dürften klar sein.

  • Hänge dein Sicherungsgerät in die beiden Seilstränge ein. Hier empfehle ich dir dieses System.

  • Unter deinem Sicherungsgerät gehört noch ein Kurzprusik.

Bevor du deine Standplatzsicherung entfernst und mit dem Abseilen beginnst: Check nochmal alles. Hier gibt es keine Redundanz und keinen Platz für Fehler.

Während des Abseilens prüfe ständig deine Richtung und Wirf die hängengebliebenen Seile rechtzeitig weiter nach unten. Halte ständig nach dem nächsten Standplatz Ausschau um nicht daran vorbeizuseilen. Das Kostet Kraft, Zeit und Nerven. Am nächsten Standplatz angekommen wiederholt sich das Prozedere wieder von vorne.

 
Das Material für die alpinen Routen

Um deinen Werdegang als Kletterer von den mit Bohrhaken abgesicherten Routen in das alpine Gelände zu vollenden, brauchst du noch einiges an Ausrüstung. Die Standardausrüstung fürs Alpinklettern besteht aus folgenden Materialien:

  • Halbseile

  • 1 Set Friends

  • 1 Set Klemmkeile

  • Klemmkeilentferner

  • 2-3 Reepschnüre 5-6mm (1.5mt. und 3mt.)

  • Bandschlingen (60cm und120cm)

  •  3-4 HMS Karabiner

  • 2-3 Normalkarabiner

  • Verlängerbare Expressschlingen

  • Eine kleines Hakensortiment + Felshammer

Für die gesamte Ausrüstung musst du ziemlich tief in die Tasche greifen. Hier ist es sinnvoll mit 2-3 mittleren Friends zu starten, und die Routen entsprechend zu wählen. In guten Topos wird darauf hingewiesen wo es ein komplettes Set Friends erforderlich ist.

 
Der komplette Alpinkletterer

Sobald du ausreichend Erfahrung gesammelt hast und dich in den weniger abenteuerlichen Routen pudelwohl fühlst kannst du deine Fähigkeiten in immer alpineren Routen unter Beweis stellen. Hier sind deine gesamten Fähigkeiten gefragt: Alpine Erfahrung, Improvisation und ein geschickter Umgang mit Seil und Sicherungsmitteln.

Die Felsqualität musst du richtig einschätzen können. Griffe sind im Gegensatz zum Sportklettergarten nicht immer so fest mit der Felswand verbunden wie es scheint. Prüfe mit einem Schlag gegen den Griff ob dieser Hohl klingt und belaste sie generell nach unten und nicht nach außen.

Schnelligkeit ist ebenso ein wichtiger Faktor um sicher unterwegs zu sein. Das Wetter kann sich im Gebirge innerhalb kürzester Zeit verändern. Speziell im Hochsommer sind heftige Gewitter keine Seltenheit.

Eine guter Überblick was sich wo an deinem Gurt befindet kann dich in brenzligen Situationen vor einem unfreiwilligen Abgang bewahren. Achte auf eine gute Ordnung am Gurt, die du während der gesamten Tour konsequent durchziehst. Irgendwann kommt der Moment an dem du am Limit bist und eine Zwischensicherung brauchst die du in deinem Wirrwarr am Klettergurt aber nicht finden kannst.

Häufig kommt es vor dass du und dein Seilpartner euch nicht mehr hört. Beispielsweise am viel befahrenen Sellapass in Gröden. Hier hilft es zu den üblichen Seilkommandos die ihr euch zuruft auch noch leise Seilkommandos zu vereinbaren. z.B.: "sobald ich 3 mt. vom roten Seil einziehe habe ich Stand."

Ein Topo richtig lesen ist essenziell um Verhauer zu vermeiden. Was sind die markantesten Punkte in der nächsten Länge, kann ich bereits von meinem Standplatz aus erkennen wo sich der nächste Standplatz befinden müsste. Welche Zwischensicherungen sind in der nächsten Seillänge zu erwarten: Sanduhren, Normalhaken oder gar Holzkeile? Wie lang ist die Seillänge bis zum nächsten Stand? Sinnvoll hier auch wenn dir dein Seilpartner mitteilt sobald du bei der Hälfte des Seiles angelangt bist. Je früher du Verhauer erkennst desto weniger Zeit verlierst du.

Schau dir bereits beim Zustieg den Routenverlauf an. Aus der Entfernung hast du einen viel besseren Überblick als direkt unter der Wand. So bekommst du bereits bevor du einsteigst einen viel besseren Überblick was dich erwartet.

 
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