Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

Fotos: Brunner Andreas

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2 Nordwände im Italienisch-Schweizer Grenzgebiet

Mit Mühe und Not konnten Florian und ich 3 Tage finden an denen wir beide keine Termine und Verpflichtungen hatten. Zwischen seiner Bergführerausbildung, meiner Instruktorausbildung und der Arbeit waren diese 3 Tage Ende März die einzige Möglichkeit. Es war ein ehrgeiziger Plan den wir uns einige Wochen vorher überlegt hatten und wir wussten beide, dass alles passen muss, damit wir um diese Jahreszeit gute Bedingungen für unser Vorhaben vorfinden.

Das "Bivacco Oggioni" am Monte Disgrazia

Kurzfristig vor dem Start kamen noch Alex und Titus dazu, sie waren für die geplante Tour ebenfalls sofort Feuer und Flamme. Die Prognosen hätten besser nicht sein können. 3 Tage strahlender Sonnenschein. Auch die Wochen und Tage vorher war die Witterung ideal und wir waren guter Dinge, dass sowohl die Nordwand des Monte Disgrazia als auch die Nordwand der Cima di Rosso gute Bedingungen haben könnten. Die 4 Stunden Anfahrt bis Chiareggio bei Sondrio brachten wir ohne Stress und Eile hinter uns. Ebenso die 1600hm Anstieg zum Bivacco Oggioni. Von den 2 Möglichkeiten zum Biwak zu gelangen entschieden wir uns dafür, bis fast zum Gipfel der Punta Kennedy aufzusteigen und die knapp 100 hm zum Biwak abzufahren. Im Nachhinein die absolut richtige Entscheidung. Die zweite Möglichkeit wäre der Weg über das Bivacco Taveggia. Das Biwak liegt wunderschön auf dem Grat Richtung Punta Kennedy, ist in einem Top Zustand, ausgestattet mit reichlich Decken ohne Feuchtigkeit oder Schimmel und bietet einen ersten super Einblick in die Nordwand des Monte Disgrazia. Nach einem traumhaften Sonnenuntergang von diesem wunderschönen Biwak folgte eine erholsame und angenehme Nacht.

Monte Disgrazia Nordwand, Monte Sissone und Fornohütte

Mit den ersten Sonnenstrahlen starteten wir vom Biwak. Es gilt zuerst einen Weg hinunter auf den Gletscher Vedretta della Ventina zu finden. Das gelingt am einfachsten wenn man knapp 50 Höhenmeter aufsteigt. Rechts fanden wir eine geeignete Einfahrt in diese rund 45° steile Westflanke. Schnell aufgefellt brachten wir die rund 200 hm zum Einstieg der Wand hinter uns und konnten eine Stunde nach Aufbruch vom Biwak in die Wand einsteigen. Wir kamen gut voran, in der Wandmitte galt es eine kurze Fels- sowie eine Blankeispassage zu überklettern, wo wir uns sicherten, bevor es in angenehmen Trittfirn den Rest der Wand wieder schnell und unkompliziert hoch auf den Grat ging. Am Grat ließen wir unsere Rucksäcke und stiegen ohne Gepäck zum Gipfel. Wir genossen die Aussicht von diesem allein stehenden Berg bevor wir zurück zu unseren Rucksäcken kletterten. Dort gab es erstmal einen Kaffee bevor wir dem Gratverlauf noch ein Stück folgten und bei der ersten Gelegenheit mit Ski über die Südflanke Richtung Passo Cecilia und von dort weiter bis auf 2.400 mt. Unterhalb des Monte Sissone abfuhren. Unter der Mittagssonne hieß es dann nochmal 1.000 hm unschwierig bis zum Gipfel aufzusteigen. Anschließend konnten wir über den Fornogletscher abfahren und einen ersten Blick in die Nordwand der Cima di Rosso erhaschen. Noch viel wichter war es uns aber zu sehen, dass direkt zwischen der Cima di Rosso sowie der Cima di Vezzada eine Rinne verläuft. Vom Oggioni Biwak hatten wir eine Rinne auf der anderen Seite ausgemacht, die es uns ermöglichen sollte über diese traumhaften Firnflanken an der Ostseite eines großen Felsriegels wieder zurück nach Chiareggio zu gelangen. Somit war der Plan für den 3. Tag klar. Aufgrund des gewaltigen Gletscherrückganges blieb es uns am Ende des Tages nicht erspart nochmal für 200 hm aufzufellen und mit den letzten Kraftreserven vom Gletscher hoch zur Fornohütte zu steigen.

Cima di Rosso Nordwand und zurück nach Chiareggio

Wie immer an diesen 3 Tagen machten wir uns keinen Stress, wohl wissend, dass es wenn, dann erst spät auffirnen wird. Die letzten beim Frühstück und als letzte die Hütte verlassend machten wir uns auf den Weg zur Nordwand der Cima di Rosso. Erst 200 hm abfahren auf den Gletscher, auffellen, 600 hm hochsteigen zum Einstieg. Dort entschieden wir uns, unser Material, das wir nicht benötigen hinten zu lassen. Der Plan war es wieder über die Nordwand abzufahren und vom Einstieg der Nordwand in unsere Rinne zu queren. Die Wand war in guten Bedingungen, zudem noch gespurt. Schnell waren die 400 hm nach oben gestapft und über ein kurzes Blockgelände erreichten wir den Gipfel. Alex und Titus entschieden sich auch über die Wand wieder abzufahren, während Florian und ich nochmal 200 hm Aufstieg zusätzlich in Kauf nahmen und die Runde um die Wand zu fahren. Wieder am Einstieg nahmen wir unser zurückgelassenes Material wieder auf und stapften Richtung Scharte nach oben. Hinten präsentierte sich die zwischen 45° und 50° steile Rinne in einem super aufgefirnten Zustand. Genauso wie die extrem weitläufigen Osthänge hinunter bis Chiareggio. Bei dieser letzten Abfahrt hatten wir nochmal die besten Schneebedingungen dieser 3 Tage.

Eine anspruchsvolle aber wunderschöne Runde über 3 Tage die den im Winter nur mühevoll zugänglichen Monte Disgrazia mit dessen Nordwand sowie der Nordwand des Cima di Rosso verbindet. Von der Fornohütte sind auch sonst noch einige lohnende Touren wie beispielsweise die Nordwand auf den Torrone Centrale möglich und auch für noch ein bis zwei weitere Tage würde es sich lohnen in dieser Gegend zu bleiben.