Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

Fotos: Brunner Andreas

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Die Meije Traverse

Die Pelvoux oder Dauphiné Alpen sind ein wildes Gebirge im französischen Teil der Westalpen. Hier findet sich der westlichste und zugleich südlichste 4000er der Alpen. Die Barré des Ecrins. Doch als eigentliche Königin in diesem Gebirgszug gilt die Meije. Sie ist nicht als klassische Hochtour zu erreichen, im Normalweg sind Stellen im IVten Grad zu Klettern. Doch noch viel schöner ist die gesamte Überschreitung. Diese Tour wird auch vom freundlichen Hüttenwirt Freddie auf der Promontoire Hütte empfohlen da sie sicherer und schöner ist als wieder über den Normalweg abzuseilen.

Bereits eine ordentliche Eingehtour: Der Weg zur Promontoire Hütte

Ausgangspunkte für den Hüttenzustieg gibt es 2: Wir entschieden uns für den Zustieg von La Grave, da dieser Ausgangspunkt dem Endpunkt der Traverse wesentlich näher liegt als La Berarde. Mit der Seilbahn geht es auf 2400 Meter, von dort zuerst leicht absteigend bis zu den Gletschermoränen des Glacier de la Meije. Über einen Felssporn geht es dann in leichter Kletterei (II) nach oben, wobei die schwierigsten Stellen mit fixen Seilen etwas entschärft sind. Auf etwa 3000 gelangt man schließlich auf den Gletscher. Vorbei an der Randspalte und nochmal über Fels erklettert man die Breche de la Meije (3357 mt.). Von dort kann man die Hütte bereits erkennen, zu der nochmal rund 100 Höhenmeter, erst über Fels, dann über ein Schneefeld, abzusteigen sind.

Ein mulmiges Gefühl vor dem nächsten Tag

Die liebevoll geführte Hütte liegt in einer atemberaubenden Lage. Vor der Hütte liegt das frisch gebackene Brot zum Abkühlen und innen laden zahlreiche Spiele und Bücher zu gemütlichen Stunden ein. Vor dem Abendessen serviert Freddie jedem einen kleinen Aperitiv und gibt den Wetterbericht für den nächsten Tag durch. Leider komplett auf Französisch was uns eine seiner freundlichen Küchengehilfinnen ins Englische übersetzt. Gewitter am frühen Nachmittag. Zusammen wird eine Zeit für das Frühstück um halb 3 vereinbart. Mir persönlich wäre es lieber gewesen noch etwas früher zu starten. Die Rechnung mit den angegebenen 14 Stunden für die Tour wollte einfach nicht aufgehen um sicher vor den Gewittern wieder vom Grat zu sein - aber was soll´s. Die Langsamsten sind wir normalerweise nicht und einem der 3 Bergführer, die die Traverse ebenfalls für den nächsten Tag geplant hatten, waren wir bereits einige Tage zuvor in Chamonix begegnet und er machte einen flotten Eindruck. Unser Plan sah vor, dass wir uns an seine- und die Fersen seines Gastes heften. Die beiden Spanier die bereits am Nachmittag einen Versuch starteten um möglichst hoch zu biwakieren kehrten am Abend wieder käsebleich zur Hütte zurück und gaben die Tour auf. Das förderte nicht gerade einen ruhigen sorglosen Schlaf.

Der Wettlauf mit der Zeit

Wecker, Aufstehen, Frühstücken, Gurt anziehen und anseilen. Um Punkt 3 Uhr standen wir bereit für das Rennen mit der Zeit. Beim Verlassen der Hütte steht man direkt unter der 900 Meter Hohen Wand die es zu erklettern gilt um zum Hauptgipfel, dem Grand Doigt, zu gelangen. Danach folgen noch weitere 4 Spitzen bis zum letzten, dem Doigt de Dieu (Daumen Gottes) sowie der Abstieg zum neuen Refuge de l´Aigle. Die erste Seillänge kann direkt vom Plumpsklo aus gesichert werden. Wir waren voll fokussiert und hielten uns an unseren Plan. Wir mussten uns ziemlich beeilen um dem Bergführer zu folgen, der wie erwartet ein richtig schnelles Tempo vorlegte. Der Glacier Carre wird nach einem Drittel der gesamten Tour erreicht, hatte uns Freddie am Abend vorher mitgeteilt. Dort waren wir bereits nach zweieinhalb Stunden. Eine Stunde später waren wir am Gipfel dieser wunderbaren Tour. Der Fels ist richtig kompakt, die Kletterei kurzweilig und abwechslungsreich und das Ambiente schlichtweg ein Traum. Wir genossen den Sonnenaufgang und machten uns auf die Suche nach der Abseilpiste. Es gilt 3 Mal abzuseilen, bevor es im Eis um die Zsigmondy Spitze herum und hinten über einen Eisschlauch wieder zum Grat geht. Hier befindet sich ein Fixseil. Im Eisschlauch begegneten uns 3 französische Basejumper auf dem Weg zum Grand Doigt um von dort zu springen. Die Tour wird einfacher und der Rest des Grates stellt kein Problem mehr dar. Ein absoluter Genuss. Von einem Gewitter war noch weit und breit keine Spur. Kein Wunder, standen wir doch bereits nach 6 Stunden am letzten Zapfen, dem Doigt de Dieu. Es war erst 9 Uhr.

Permafrost adieu

Die Anspannung war wie weggeblasen, wir blödelten herum, lachten und hatten eine Riesengaudi mit unserer Leistung. Doch wir wurden sofort wieder daran erinnert, dass eine Tour erst fertig ist sobald man wieder komplett im Tal ist. Dabei hatten wir nochmal richtig Glück. Als ich mich am letzten Abseilstand runter auf den Gletscher in das Seil setzte, geriet plötzlich alles in Bewegung. Es löste sich ein riesiger Felsbrock. Alles ging ganz schnell. Ich war gefasst samt Standplatz und Felsblock den Weg in die Tiefe anzutreten. Sah wie der Fels neben mir vorbei über Armin hinwegdonnerte, ihn wie durch ein Wunder nur streifte und merkte wie ich plötzlich wieder im Seil hing. Gottseidank war ein Teil des Standplatzes noch an einem zweiten Punkt fixiert, der unseren Absturz verhinderte. Der Berg hatte wieder unsere volle Aufmerksamkeit.