Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

LAWINENLAGEBERICHT

Den Lawinenlagebericht richtig lesen und das Maximum an Informationen herausholen

Er ist für alle die im Winter gerne abseits der Pisten unterwegs sind unverzichtbar. Im Lawinenlagebericht sind jede Menge wichtiger Informationen enthalten. Bei den meisten bleibt jedoch nur die momentan vorherrschende Gefahrenstufe im Gedächtnis hängen. Wie der Lawinenlagebericht aufgebaut ist, wie viel mehr als nur die Gefahrenstufe dahintersteckt und welche wichtigen Informationen ihr unbedingt herauslesen solltet werde ich versuchen zu erklären.

Aufbau

Der Lawinenlagebericht erscheint im Winter in der Regel täglich und ist in den Alpenregionen einheitlich aufgebaut. Egal ob der Bericht in Italien, Österreich, der Schweiz oder in Frankreich erstellt wurde. Er besteht immer aus denselben Elementen und ist wie folgt gegliedert:

  • Gefahrenstufe

  • Was ist das Problem?

  • Wo ist das Problem?

  • Beschreibung und Beurteilung

  • Aufbau der Schneeschichten

  • Wetter

  • Tendenz

 
Die Gefahrenstufe

Die aus fünf Stufen bestehende Gefahrenstufe ist das Erste das in einem Lawinenlagebericht ins Auge sticht. Das beschriebene Gebiet wird in Regionen unterteilt und für jede dieser Regionen wird die Gefahrenstufe bewertet.

 

Beispiel für die Situation am 23.01.2018 in Südtirol, wo im ganzen Lang gleich 4 verschiedene Gefahrenstufen vorzufinden waren:

Je höher die Gefahrenstufe, desto:

  • Instabiler die Schneedecke

  • Mehr und großer werden die Lawinen

  • Mehr Gefahrenstellen und Schwachschichten

  • Größer die Auslösewahrscheinlichkeit

Hier gilt es 2 Sachen zu beachten:

Durch die Unterteilung in Regionen ist das beschriebene Gebiet recht groß, und es können keine Informationen über gefährliche Hangexpositionen oder Bewertungshilfen für den einzelnen Hang herausgelesen werden.

Weiteres muss man bedenken, dass die Lawinengefahr in der Natur nicht Stufenweise ansteigt. Das passiert entlang einer Kurve, wobei die jeweils nächste Gefahrenstufe die Lawinengefahr verdoppelt. Die Lawinengefahr am oberen Ende der Stufe 3 ist jedoch beinahe dieselbe wie am unteren Ende der Stufe 4. Der Bereich innerhalb der Gefahrenstufe verdoppelt sich fast von deren unterem Ende bis zum oberen:

Hier ist es wichtig den Lawinenlagebericht auch zu Ende zu lesen. Häufig wird von einem „angespannten 3er“ gesprochen. Zudem werden weitere Wichtige Informationen gegeben, zum Beispiel:

Was ist das Problem?

In der Lawinenforschung wird zwischen 5 Lawinenproblemen unterschieden. Je nach aktueller Situation finden sich eines oder zwei dieser Symbole auf dem Lawinenlagebericht. Zudem gibt es noch ein Symbol für günstige Bedingungen:

 

Anhand dieser Information weiß ich im Gelände bereits auf welche Gefahren ich besonders aufpassen muss. Hier findest du eine genaue Beschreibung dieser 5 Lawinenprobleme und was beim jeweils vorherrschenden Problem zu beachten ist.

Wo ist das Problem?

Als nächstes wird darauf eingegangen, wo sich die Gefahren hauptsächlich befinden. Das Ganze wird anhand einer Windrose dargestellt. Dabei werden die Hangexpositionen an denen das aktuelle Lawinenproblem vorherrschend ist schwarz eingefärbt.

 

Beispiel: Hier gilt es in allen Hangexpositionen oberhalb von 1800 Metern das Problem von Neu- und Triebschnee zu beachten

Ein weiteres Symbol weist auf die Höhe hin, wo das Problem besteht. Meist gilt bis zu einer bestimmten Höhe aufgrund der witterungsbedingten Einflüsse eine geringere Gefahrenstufe als darüber.

 
Beschreibung und Beurteilung

Hier wird detaillierter beschrieben, wie es zur aktuellen Gefahrenstufe kommt. Diesen Teil gilt es besonders aufmerksam zu lesen, da hier eine Menge wichtiger Informationen für die Beurteilung der Lawinengefahr im freien Gelände enthalten sind: Es wird auf die Lawinenprobleme, deren Ursachen, die betroffenen Hangexpositionen, die Höhe sowie die Auslösewahrscheinlichkeit eingegangen. Zudem wird beispielsweise auf einen angespannten 3er oder eine tageszeitliche Veränderung der Situation hingewiesen.

 

Hier ein Beispiel:

Welche Informationen können aus diesem kurzen Text herausgelesen werden:

Der erste Absatz:

  • Es ist sehr kalt: Das bedeutet eventuelle Gefahrenmuster werden "konserviert" und es dauert länger bis die Lawinengefahr wieder sinkt.

  • Nord-Ost Wind war im Spiel - Triebschnee

  • Oberhalb der Waldgrenze erhebliche Lawinengefahr (Gefahrenstufe 3)

  • Unterhalb der Waldgrenze geringer (Gefahrenstufe 2, zum Teil sogar 1)

Der zweite Absatz:

Jetzt wird etwas genauer auf die 3 momentan vorherrschenden Lawinenprobleme eingegangen:

  • Triebschnee

    • Schattenhänge oberhalb der Waldgrenze​

    • in großen Höhen in Kämmnähe sind alle Hangexpositionen betroffen

    • sehr leicht zu stören: bereits durch geringe Zusatzbelastung = ein einzelner Skifahrer

    • Gefahrenstellen sind jedoch gut zu erkennen - immer Aufmerksam sein auf Tour: die Gefahrenstellen sind meist kleinräumig

    • vereinzelt spontane Lawinen durch Schneeverfrachtung - also auch Wind am Tourentag zu erwarten

  • Altschnee​

    • Oberhalb von 2.400 Meter​

    • An sehr steilen Südhängen

    • Die Schwachschicht liegt nahe an der Oberfläche = leicht zu stören

  • Gleitschnee

    • an steilen Wiesenhängen

Du siehst wie viel Informationen in diesen kurzen und gerne übersehenen Texten enthalten ist. Jetzt weißt du bereits ziemlich genau auf was du achten musst, wo die Gefahrenstellen zu finden sind. Dementsprechend kannst du bereits bei der Tourenplanung die richtige Tour auswählen um mit einem Gipfelerfolg rechnen zu können.

Schneedeckenaufbau
 

Dieser Teil ist ebenfalls sehr interessant und liefert zum einen Informationen darüber mit welcher Art von Schnee gerechnet werden kann. Beispiele sind: Nordseitig ist mit Pulverschnee zu rechnen, eine nicht tragfähige Schmelzharschkruste, Triebschnee usw… Es wird auch auf die verschiedenen Schneeschichten eingegangen und vor eventuell vorhandenen Schwachschichten gewarnt. Zudem wir Auskunft über die Schneehöhe gegeben, sowie ob - und wieviel es Neuschnee gab.

Wetter
 

Ebenfalls unerlässlich für die Tourenplanung im Winter ist es zu wissen wie das Wetter am Tourentag wird, aber auch wie das Wetter die letzten Tage war. In diesem Abschnitt werden alle wichtigen Informationen kurz und bündig zusammengefasst. Auch hier kann einiges an wichtigen Informationen über Windeinfluss, Neuschnee, Temperatur und Sicht gewonnen werden. Oft wird auch auf Veränderungen der Witterung auf unterschiedlichen Höhen eingegangen, was man aus einem normalen Wetterbericht nicht herauslesen kann.

Tendenz
 

Zu guter Letzt wird noch ein kurzer Ausblick für die nächsten Tage, eine mögliche Verbesserung oder Verschlechterung der Gefahrenstufe und deren Gründe eingegangen.

Die Informationen des Lawinenlageberichts ins Gelände übertragen
 

Wer den Lawinenlagebericht am Vortag genau studiert hat weiß ziemlich genau was ihm im auf der Skitour erwarten wird. Worauf muss konkret geachtet werden? So stellt sich das Ganze dann Beispielsweise dar: 

 

Ist das vorherrschenden Lawinenproblem der Triebschnee, wird der Tourengeher auf frische Triebschneepakete und Windzeichen achten.

Mit dem Wissen über die Windrichtung der letzten Tage kann er zudem sagen wo sich die Triebschneepakete höchst wahrscheinlich befinden.

Er weiß genau ab welcher Höhe das Ganze zum Problem werden könnte und dass die Triebschneepakete besonders kritisch zu hinterfragen sind, weil sie auf Oberflächenreif - und damit einer gefährlichen Schwachschicht - zum Liegen gekommen sind. Somit eine hohe Auslösebereitschaft haben.

Die Schneedecke ist noch nicht so mächtig, somit weiß er auch, dass der Schneedeckenaufbau ehern ungünstig ist und sich die Schwachschicht nicht weit unterhalb der Oberfläche befindet - damit leicht zu stören ist.

Natürlich muss eine Beurteilung der Einzelhänge immer eigenverantwortlich passieren. Mit den gesamten Informationen aus dem Lawinenlagebericht fällt das allerdings um vieles leichter und ermöglicht eine wesentlich bessere Einschätzung der Situation.

Viele weitere Infos zum Thema Lawinen, Prozesse bei der Schneeumwandlung sowie eine detaillierte Beschreibung der Lawinenprobleme sowie der Gefahrenmuster findest du hier. Mit dem Wissen und den Infos aus diesen beiden Seiten hoffe ich dir eine gute Basis für einen sicheren und schönen Skitourenwinter geben zu können.

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