Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

LAWINEN

Typische Lawinenprobleme und Gefahrenmuster erkennen und einschätzen

Lawinen sind ein komplexes aber inzwischen ziemlich gut erforschtes Phänomen. Die Abläufe im inneren einer Schneedecke wurden akribisch untersucht und verstanden, sodass es den Experten möglich ist eine gute und verlässliche Bewertung der Lawinengefahr abzugeben. In den Lawinenlageberichten finden sich eine Menge wichtiger Informationen die oft aber nicht richtig wahrgenommen werden (hier mehr dazu). Aber wie entstehen eigentlich Lawinen, was passiert im Inneren der Schneedecke und welche Arten von Lawinen gibt es?

Die Lawine

Generell wird zwischen einem Schneerutsch und einer Lawine unterschieden. In der Fachsprache spricht man ab „raschen Schneebewegungen" über einer Länge von 50 Metern“ von einer Lawine. Das bedeutet es muss sich genügend Schnee in einem ausreichend steilen Gelände ansammeln und in Bewegung geraten. Damit eine Lawine entsteht, braucht es zudem einen Auslöser. Das kann eine plötzliche Zusatzbelastung sein – z.B. durch Tiere, Menschen oder auch Felssturz, oder durch natürliche Prozesse wie durch einen langsamen und stetigen Anstieg des Gewichts durch Schneefall, Regen oder eine starke Durchfeuchtung durch Sonneneinstrahlung passieren.

 
Arten von Lawinen

Es gibt verschiedene Arten von Lawinen. Abhängig von mehreren Faktoren und Ursachen wird zwischen Staublawine, Schneebrett, Lockerschnee- und Nassschneelawinen unterschieden. Staublawinen treten vor allem nach Neuschneefällen in extrem steilen Gelände auf und lösen sich vorwiegend spontan oder werden gesprengt. Sie erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h und bringen eine enorme Druckwelle mit sich. Am gefährlichsten für Skitourengeher sind die Schneebretter. Eine Schneedecke die in sich gebunden ist und über eine Gleitschicht mit 50 – 100 km/h zu Tal donnert. Charakteristisch sind Schwachschichten innerhalb der Schneedecke die durch eine Zusatzbelastung gestört werden. Lockerschneelawinen haben eine typische Kegelform. Sie starten ganz klein und aufgrund des extrem steilen Geländes wird immer mehr Schnee mitgerissen. Lockerschneelawinen treten meist bei Neuschnee oder ungebundenen nassen Schnee auf und sind für Skitourengeher im Prinzip nicht gefährlich. Die gefährlichen Nassschneelawinen hingegen sind typisch für den Frühling. Sie werden durch eine starke Durchfeuchtung der Schneedecke ausgelöst und sind recht langsam - räumen aber alles aus dem Weg das ihnen in die Quere kommt. Sie erreichen zum Teil enorme Ausmaße.

 
Schneekunde

Alles beginnt mit dem hereinbrechen der kalten Jahreszeit. Die Temperaturen fallen und in den Wolken sammeln sich die Eiskristalle in den unterschiedlichsten Mustern. Der Schnee fällt zu Boden und bildet eine geschlossene Schneedecke die wir Wintersportler so sehr lieben. Ab diesem Zeitpunkt beginnt sich der Schnee zu verändern. Anfangs haben die Schneeflocken noch eine super Bindung untereinander. Ihre Struktur mit den vielen Armen lässt Platz für viel Luft in den Zwischenräumen und sorgt dafür, dass sich die einzelnen Schneeflocken trotzdem gut ineinander verkeilen und sich gegenseitig zusammenhalten. Jetzt gibt es besten Pulverschnee auf der Skitour.

 

Abbauende Umwandlung

 

Durch ansteigende Temperaturen, aber auch durch den Eigendruck der Schneedecke selbst beginnen sich die Kristalle zu verändern: Sie beginnen zu Schmelzen, die Arme verschwinden und die sogenannte „Abbauende Umwandlung“ macht aus den unterschiedlichsten Schneekristallen langsam kleine runde Körner. Die Luft aus den vielen Zwischenräumen verschwindet, und die Schneedecke setzt sich. An den Verbindungspunkten dieser Körner kommt es zu festen Verbindungen und es entsteht eine recht stabile Altschneedecke.

Aufbauende Umwandlung

Sobald sich der Schnee gesetzt hat, und der Abbau der Schneekristalle stattgefunden hat ist die Veränderung in der Schneedecke aber noch nicht abgeschlossen. Gibt es größere Temperaturunterschiede innerhalb der Schneedecke – z.B. aus dem Grund, dass die Bodentemperatur konstant bei 0 Grad liegt, aber die Schneedecke wegen extrem kalter Außentemperaturen wesentlich niedriger ist, kommt es zur sogenannten "aufbauenden Umwandlung". Diese ist ungünstig für die Lawinensituation, weil dadurch Schwachschichten innerhalb der Schneedecke entstehen. Die aufsteigende wärmere Luft nimmt kleine Teile der untersten Kristalle mit nach oben, kühlt sich ab und gefriert wieder in den kälteren Schichten. Dadurch entstehen sogenannte Becherkristalle. Sie haben absolut keine Bindung mehr untereinander und bieten eine extrem gute Gleitfläche für den drüber liegenden Schnee. Diese Schwachschichten liegen im inneren der Schneedecke, sozusagen im Verborgenen.

Damit der Prozess der Aufbauenden Umwandlung in Gang kommt, braucht es ca. einen Temperaturunterschied von 15°C pro Meter Schnee. In den Bergen sind Schneedecken von mehreren Metern keine Seltenheit: Wenn zum Beispiel 3 Meter Schnee liegen bräuchte es bereits eine Außentemperatur von -45°C um Schwachschichten durch Aufbauende Umwandlung zu bilden.

Deshalb findet man Schwachschichten häufig an Geländekanten und in der Nähe von Felsen, weil hier die Schneedecke meist weniger mächtig ist.

Schmelzumwandlung

 

Die Schmelzumwandlung ist eine typische Frühlingssituation. Sie entsteht sobald die Temperatur der Schneedecke auf über 0°C steigt. Wasser sickert durch die Schneedecke und lässt die Körner, die von den einst so schönen Schneekristallen noch übrig sind über Nacht wieder zusammenfrieren. Dadurch entsteht eine sehr sichere Lawinensituation – am Morgen solange es noch kalt und die Schneedecke gefroren ist - und eine Schneeart die wir Skitourengeher gar nicht mal schlecht finden: Der Firn.

Typische Lawinenprobleme

Lawinenforscher unterscheiden generell 5 Gruppen von Problemen, die zu einer angespannten Lawinensituation führen. In den Lawinenbulletins werden diese auch immer jeweils mit einem eigenen Symbol dargestellt:

 

Neuschnee

​Bei akuten Schneefällen kann es zu kritischen Neuschneemengen kommen. Ab wann die Neuschneemenge kritisch ist, hängt von mehreren Faktoren wie zum Beispiel der Temperatur oder den Eigenschaften der Schneedecke, auf der neuer Schnee fällt, ab. Das Problem tritt meist in allen Hangexpositionen auf. Die Schwachschicht ist häufig am Übergang zur alten Schneedecke, kann aber auch innerhalb der Altschneedecke oder auch innerhalb der Neuschneedecke sein. Vor allem mit trockenen Schneebrettern und Lockerschneelawinen ist zu rechnen. Im Normalfall ist die angespannte Situation nach einigen Tagen wieder vorbei.

Triebschnee

Vom Wind verfrachteter Schnee wird als Triebschnee bezeichnet. Das kann während Schneefällen als auch nachher passieren. Triebschnee ist ausgesprochen unregelmäßig verteilt. Man findet ihn vor allem in windabgewandten Bereichen, in Rinnen, Mulden, hinter Geländekanten und generell auf windberuhigten Flächen. Häufiger ober der Waldgrenze als darunter. Die Schwachschicht befindet sich meist am Übergang zur alten Schneeoberfläche, kann sich aber auch innerhalb des Triebschnees befinden. Das Triebschneeproblem ist relativ gut zu erkennen. Beachte Windzeichen und lokalisiere Triebschneeansammlungen. Rissbildung, Wummgeräusche und frische Lawinen sind typische Alarmzeichen. Triebschnee kann sehr rasch entstehen und das Problem dauert üblicherweise einige Tage und es sind trockene Schneebrettlawinen zu erwarten.

Altschnee

​Das Problem entsteht durch Schwachschichten innerhalb der Schneedecke. Typisch sind eingeschneiter Oberflächenreif, Schwimmschnee oder kantige Kristalle. Spontane Lawinen sind selten. Altschnee kann sehr verbreitet vorkommen und tritt in allen Expositionen auf. Häufiger jedoch in schattigen, eher Windgeschützten Hängen. Die Schwachschicht befindet sich oft tief innerhalb der Altschneedecke und kann über Monate, teilweise über den gesamten Winter zum Problem werden. Das Altschneeproblem ist schwierig zu erkennen, auch weil es oft keine Alarmzeichen gibt. Schneedeckentests können helfen, die Schwachschichten zu erkennen. Im Lawinenbulletin wird ebenfalls davor gewarnt. Meide in diesem Fall große Steilhänge und halte dich generell etwas zurück. Besondere Vorsicht ist bei Übergängen von Schneearm zu Schneereich geboten. Das Altschneeproblem ist die Hauptursache tödlicher Lawinenunfälle.

Nassschnee

​Das Problem entsteht durch zunehmende Schwächung der Schneedecke durch Schmelze oder Regen. Das Problem ist meist einfach zu erkennen. Beginnender Regen, Bildung von Schneeballen oder Schneerollen oder tiefes Einsinken in die Schneedecke kündigen die nassen Schneebrettlawinen an. Nach kalten, klaren Nächten sind die Bedingungen meist günstig. Nach warmen, bedeckten Nächten tritt das Problem bereits am Morgen auf. Regen auf eine trockene Schneedecke stellt ein unmittelbares Problem dar. Gutes Timing und eine gute Tourenplanung sind entscheidend.

Gleitschnee

​Die gesamte Schneedecke gleitet auf glattem Untergrund (z.B. Wiesen oder glatte Felsplatten) ab. Gleitschneelawinen kommen häufig bei mächtigen Schneedecken ohne Schwachschichten vor und können sowohl bei trockenen, kalten als auch bei einer nassen, 0° C – isothermen Schneedecke auftreten. Lawinen lösen sich fast ausschließlich spontan. Wobei der Abgangszeitpunkt kaum vorherzusagen ist obwohl sie sich durch Gleitschneerisse (sog. Fischmäuler) ankündigen. Meist treten Gleitschneelawinen auf Südhängen auf, kommen aber auch in den anderen Expositionen vor. Das Problem kann Tage bis Monate bestehen. Eine Auslösung ist während des gesamten Winters möglich und kann zu jeder Tages- und Nachtzeit passieren. Im Frühjahr treten Gleitschneelawinen tendenziell eher am Nachmittag auf.

Gefahrenmuster erkennen

Die Lawinenprobleme geben vor allem einen groben Überblick. Bei den Gefahrenmustern wird dann schon etwas genauer analysiert und den Ursachen für das momentan vorherrschende Problem auf den Grund gegangen. Das Wissen welches Lawinenproblem momentan in den Bergen vorherrscht und was die Gefahrenmuster sind die dazu führen erleichtert eine Beurteilung im freien Gelände.

Gefahrenmuster sind typische, immer wiederkehrende und meist offensichtliche Gefahrensituationen die sich in folgende 10 Kategorien einteilen lassen:

 

1: Bodennahe Schwachschicht vom Frühwinter

​Große Schneemengen die im Herbst fallen, bleiben meist nur in großen Höhen und im schattigen Gelände liegen. Gibt es danach eine längere Hochdrucklage wandelt sich der Schnee durch die nächtliche Ausstrahlung aufbauend um und bildet für die nächsten Schneefälle im Frühwinter eine Schwachschicht die mitunter lange beachtet werden muss.

Zu stören sind diese Schwachschichten generell im Frühwinter. Bei zunehmender Schneehöhe nimmt die Störanfälligkeit ab. Im Frühjahr kann diese Schwachschicht allerdings noch einmal zum Problem werden sobald die Schneedecke zunehmend durchnässt wird. Dann sind mitunter große Lawinen möglich.

2: Gleitschnee

Gleitschneelawinen sind häufig im Frühjahr bei starker Durchfeuchtung der Schneedecke und im Frühwinter, wenn der noch warme Boden eingeschneit wird und den Gleitprozess fördert. Gleitschneelawinen kündigen sich meist durch die sogenannten „Gleitschneemäuler“ an, die entgegen einer alten und schwer auszurottenden Lehrmeinung kein Indiz für eine günstige Lawinensituation sind. Gleitschneelawinen sind hinsichtlich des Abgangszeitpunktes zu den am schwierigsten vorhersagbaren Lawinen. Sie gehen spontan sowohl am kältesten als auch am wärmsten Tag des Winters ab und sind eigentlich nicht durch Zusatzbelastung zu stören. ​

3: Regen

​Regen führt zu einem raschen Gewichtszuwachs und zu starkem Festigkeitsverlust der Schneedecke. Regen ist über den gesamten Winter möglich. Der Vorteil: Kein Gefahrenmuster ist leichter zu erkennen.

4: Kalt auf warm / warm auf kalt

Große Temperaturschwankungen, egal ob kalt auf warm oder umgekehrt, wirken sich negativ auf die Stabilität der Schneedecke aus. Der Grund: Die aufbauende Umwandlung der Schneekristalle (siehe oben) wird dadurch begünstigt und es entstehen dünne störungsanfällige Schwachschichten. Es ist ein ziemlich heimtückisches Gefahrenmuster, weil sich die Schwachschicht erst einige Tage nach dem Einschneien im inneren der Schneedecke bildet.

5: Schnee nach langer Kälteperiode

Ein klassisches Lawinenereignis: nach einer längeren Kälteperiode beginnt es zu schneien. Der Schnee kommt auf einer lockeren, meist aus Schwimmschnee bestehenden Altschneedecke zu liegen. Unter diesen beiden Schichten besteht eine sehr schlechte Bindung und die Schwachschicht wartet nur noch darauf durch Zusatzbelastung gestört zu werden. Bei intensiven Schneefällen (oft auch durch Wind begleitet) lösen sich häufig großflächig spontane Lawinen. Noch gefährlicher wird es wenn zusätzlich die Temperatur rasch steigt.

6: Lockerer Schnee und Wind

„Der Wind ist der Baumeister der Lawinen“ – Ein Spruch aus den 30ern des vorigen Jahrhunderts der nach wie vor uneingeschränkt gültig ist. Starker Wind beeinflusst sowohl den fallenden als auch den bereits abgelagerten Schnee. Der Wind ist einer der wesentlichsten Lawinenbildenden Faktoren. Je kälter der verfrachtete Schnee, desto empfindlicher reagiert er auf Belastung. Charakteristisch für dieses Gefahrenmuster ist, dass die Schwachschicht meist aus lockerem Neuschnee besteht, der von Triebschnee überlagert worden ist. Ein Muster das sich in der Regel recht gut erkennen lässt und nur von kurzer Dauer ist. Ausnahme: Selten kommt es vor, dass die aus lockeren aufbauend umgewandelten Kristalle aus einer Altschneedecke verfrachtet werden und harte, spröde über längere Zeit störanfällige Schneebretter gebildet werden.

7: Schneearm neben Schneereich

Schneearme Bereiche sind in der Regel störanfälliger, weil sie einen ungünstigeren Schneedeckenaufbau aufweisen als schneereiche. Das hat mit dem vermehrten Umwandlungsprozessen innerhalb der Schneedecke zu tun. Zudem lassen sich Lawinen in schneearmen Bereichen viel leichter auslösen, da die Schwachschichten nicht tief in der Schneedecke begraben sind und deshalb leichter gestört werden können. Häufig trifft man die Abbruchstelle von Lawinen also in den Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee an.

8: Eingeschneiter Oberflächenreif

Oberflächenreif allein birgt noch keine Gefahr. Erst sobald er von neuen, gebundenen Schneeschichten überdeckt wird, wird er gefährlich und gilt als eine der kritischsten Schwachschichten in der Lawinenkunde. Oberflächenreif entsteht während langer, kalter Schönwettephasen. Eine Sonderform stellt der Nigg-Effekt dar: Durch warme und feuchte Luft die über einen Grat streicht bildet sich in dessen Schattenlage auf der kalten Schneeoberfläche Reif. Er gilt als klassische Expertenfalle, weil dieser Reif nur an den Geländekanten feststellbar ist. Der Effekt tritt vor allem im Früh- und Spätwinter auf.

9: Eingeschneiter Graupel

Der Graupel ist eine kugelförmige Niederschlagsform die bevorzugt im Frühjahr bei gewitterartigen Schauern auftritt. Triebschnee der sich darüber sammelt ist meist nur schlecht mit dieser Schwachschicht verbunden. Der Graupelt funktioniert wie ein Kugellager und bietet eine ideale Gleitfläche. Graupel ist häufig nur kleinräumig verteilt und selbst für Experten nur schwer zu erkennen. Eine durchwegs heimtückische Angelegenheit, die zum Glück nur kurzfristig problematisch ist.

10: Frühjahrssituation

Eine besondere Phase des Winters stellt das Frühjahr dar: Selten liegen „sicher“ und „gefährlich“ so eng beieinander. Einerseits ist die Lawinengefahr bei stabilen Firnverhältnissen kaum einmal leichter einzuschätzen, andererseits werden kaum jemals im Winter so große Lawinenabgänge verzeichnet wie in kritischen Frühjahrssituationen. Kritisch wird es immer dann, wenn bei bedecktem Himmel die Lufttemperatur hoch, die Strahlung intensiv, die Luft sehr feucht ist und zudem kein Wind weht. Die Schneedecke wird dann besonders rasch nass und die Lawinengefahr steigt. Nach einer klaren, kühlen Nacht kann man zumindest in den Morgenstunden von sicheren Verhältnissen ausgehen. Zeitliche Disziplin sowie Flexibilität bei der Tourenplanung sind für den Wintersportler gefragt.

Mithilfe dieses Wissens und dem Wissen wie ein Lawinenlagebericht zu lesen ist hast du eine gute Grundlage um wichtige Entscheidungen im freien Gelände zu treffen. Trotzdem ist es unumgänglich einen Lawinenkurs zu besuchen sowie den Umgang mit LVS Gerät, Schaufel und Sonde jedes Jahr aufs Neue zu üben. In diesem Bereich hat man niemals ausgelernt.

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