Fotos: Brunner Andreas

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Alpamayo - French direct

Welcher ist der schönste Berg der Erde? Verleiht man diesen Titel, muss das nicht unbedingt positive Auswirkungen für den glücklichen Gewinner haben. Inzwischen ist es bereits einige Jahre her, dass 1966 zufällig das Magazin in dem du gerade liest dem Alpamayo diesen Titel verliehen hat. Steht man aber vor diesem Paradebeispiel eines idealen Berges, wie ihn nur ein Kind zeichnen würde, kann man die Wahl sofort verstehen. Als perfekt geformte Pyramide, mit extrem steilen Schneeflanken auf jeder Seite erhebt sich dieser Alpamayo im hintersten Teil des Santa Cruz Tales. Nur über einen langen mehrtägigen Fußmarsch im nördlichen Teil der Cordillera Blanca in Peru zu erreichen. Eine Besteigung gibt es nicht einfach im Vorbeigehen. Ordentliche Akklimatisierung, gutes alpinistisches Können und eine Portion Glück mit dem Wetter sowie den Bedingungen in der Route sind essenziell um einmal ganz oben zu stehen auf dem vielleicht wirklich „schönsten Berg der Welt“. Genau das ist unser Ziel.

Akklimatisieren ohne Bergschuhe und Rucksack - ganz gemütlich im Sitzen

Es ist Juni, von München aus fliegen wir über Paris nach Südamerika. Lima, die Hauptstadt Perus liegt direkt auf Meereshöhe. In einem Nachtbus verlassen wir das chaotische Treiben der Millionenmetropole und fahren Richtung Norden. Bevor wir Huaraz am nächsten Morgen erreichen, gelangen wir bereits zum ersten Mal über die 4.000 Meter Marke. Die Punta Callán liegt auf 4.200 – irgendwann in der Nacht überqueren wir diesen Pass ganz unspektakulär und beginnen so bereits im Schlaf mit unserer Akklimatisierung. Sehr praktisch. Auf diesen Höhen kommen auch Fahrzeuge an ihre Grenzen und die Leistung des Busses lässt merklich nach. Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir früher als gedacht auch am eigenen Leib noch spüren werden. Nämlich direkt bei unserer Ankunft im Hotel in Huaraz. Beim Hochschleppen der Reisetasche auf unser Zimmer im 3. Stock geraten wir gleich zum ersten Mal ordentlich aus der Puste. Dabei befinden wir uns gerademal auf halber Höhe unserer angepeilten Gipfel.

Huaraz die Hauptstadt der Alpinisten

Zunächst verbringen wir jedoch einige Tage in Huaraz. Die Hauptstadt für Alpinisten und Bergsteiger welche einen der zahlreichen Gipfel der Cordillera Blanca besteigen möchten. Hier bekommt man alles. Ausrüstung für die anstehenden Touren, Guides, Köche und Träger die man anheuern kann sowie Verpflegung und Kontakte für den Transport zu den Ausgangspunkten. Doch auch sonst hat die rund 60.000 Einwohner zählende Stadt einiges zu bieten. Auf dem Markt gibt es jede Menge frisches Obst, Gemüse und Meerschweinchen. Die Nager findet man auch abends auf den Speisekarten vieler Restaurants in der Stadt als „Cuy“ wieder – ein typisches und beliebtes Gericht der Andenregion. Doch irgendwie wirkt vieles in der Stadt noch im Bau und nicht wirklich fertig. Nach kurzer Recherche finden wir auch einen möglichen Grund dafür: Die Stadt sowie die umliegenden Dörfer haben in der jüngeren Vergangenheit 3 schwere Katastrophen erlebt. 1941 stürzte ein Eisturm in den Palcacocha-See welcher in der Folge überlief und große Teile von Huaraz unter einer Schlammlawine begrub. 7.000 Menschen starben. 1962 ereignete sich erneut ein gewaltiger Eisabbruch, diesmal an der Nordflanke des Huascaran, dem mit 6.768 Metern höchsten Berg Perus. Erneut starben knapp 4.000 Menschen unter den Schnee-, Eis- und Geröllmassen. Es gab damals bereits Warnungen, dass ein wesentlich größerer Abbruch bevorstehen könnte. Am 31. Mai 1970 schließlich erfüllte sich diese Prophezeiung. Um 15.23 Uhr Ortszeit ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 7.8. Die gewaltigen Eismassen die noch am Nordgipfel des Huascaran hingen lösten sich und es kam zur größten Gletscherkatastrophe die jemals registriert wurde. Die traurige Bilanz: 70.000 Menschen starben.

 

Jedes Mal musste die schwer getroffene Stadt neu aufgebaut werden. Umso beeindruckender ist es, dass es nach wie vor ein so pulsierendes Leben im Zentrum und den umliegenden Dörfern gibt, so als wäre nie etwas passiert. Die Menschen akzeptieren die Gefahren dieses Hochgebirges und scheinen sich mit ihnen zu arrangieren.

Akklimatisierung: Das Zauberwort für erfolgreiches Höhenbergsteigen

So spannend die Geschichte dieser Stadt auch ist, und so viel es auch über die uralte Kultur der Bewohner hier zu entdecken gäbe, uns zieht es hinaus aus der Stadt und hinauf in die Cordillera. Täglich brechen wir zu traumhaften Bergtouren auf. Im Gegensatz zu anderen Regionen dieser Erde mit derart hohen Gipfeln bietet die Cordillera Blanca die Möglichkeit seine Akklimatisierungstouren alles andere als langweilig zu gestalten. Durch malerische grüne Täler gelangen wir zu farblich fast schon surreal wirkenden Lagunen die weit über 4.000 Meter liegen. Jede dieser Touren wäre an sich schon eine Reise wert. Begleitet werden wir stets von weißen Gletscherflanken die von den umliegenden Gipfeln herunterleuchten. Die Vorfreude ist groß und wir wissen, dass wir bald dort oben sein werden.

Für 9 Tage ins Ishinca Valley

Endlich ist es soweit. Nach mehreren Tagestouren packen wir unsere Zelte und Bergausrüstung zusammen, heuern ein paar Eselstreiber mit ihren Tieren an und begeben uns für 9 Tage in das wunderschöne Ishinca Valley. Wir erreichen das Basislager in einer Zweitagesetappe und machen es uns am Fuße von Urus, Ishinca und Tocclaraju gemütlich. Diese 3 Gipfel wollen wir in den nächsten Tagen besteigen. Tags darauf läutet um 4 Uhr der Wecker. Wir schälen uns aus unseren Schlafsäcken und können sofort nach dem Frühstück mit leichtem Gepäck aufbrechen. Der Urus Peak mit seinen 5.423 m ist locker als Tagesziel vom Basecamp (4.400 m) erreichbar. In der Cordillera Blanca heißt es ähnlich wie im Sommer in den Alpen besser früh aufzubrechen. Am Nachmittag ist das Wetter meist instabil, da wir uns hier nur unweit südlich des Äquators befinden. In den tieferen Lagen östlich dieser Gebirgsgruppe befinden sich die tropischen Regenwälder des Amazonas. Wir sind gut in Form und beschließen gleich am Tag nach unserem ersten Gipfelsieg ein höher gelegenes Lager für die Besteigung des Ishinca zu errichten. Gut gelaunt sitzen wir in unserem Hochlager und naschen Kokablätter als wären es Chips. Angeblich helfen sie bei Kopfschmerzen und sonstigen Problemen die mit zunehmender Höhe auftreten können. Da wir während des gesamten Trips keine derartigen Probleme hatten würde ich diese Methode sofort weiterempfehlen. Ob es tatsächlich an den Kokablättern lag ist schwer zu sagen. Wir erreichen auch den 5.530 m hohen Nevado Ishinca am Tag darauf und gönnen uns in der Folge einen Pausetag bevor wir uns jenseits der 6.000 m wagen. Den Tocclaraju gehen wir ähnlich an und errichten auch hier kurz unterhalb des Gletschers ein Hochlager bevor wir zum Gipfel aufsteigen. Es geht vorbei an mächtigen Seracs und Gletscherspalten, die unsere südtiroler Spältchen zuhause alt aussehen lassen. Je näher wir dem mächtigen Gipfelpilz kommen desto mehr spüren wir zum ersten Mal so richtig die große Höhe. Es geht merklich langsamer und wir brauchen viele kurze Pausen. Knapp unterhalb des Gipfels kommen die Eisgeräte zum Einsatz und wir queren entlang des unteren Randes an diesem gewaltigen Pilz bis es schließlich weiter nach oben geht und wir auf dem 6.034 m hohen Gipfel des Tocclaraju stehen.

Zeit für unser eigentliches Ziel: Den Alpamayo

Zwei Tage nach dem Gipfeltag am Tocclaraju sind wir wieder in Huaraz. Jetzt gilt es erstmal die Füße hoch zu lagern und einen kompletten Tag Pause einzulegen. Wir buchen uns eine Massage und verbringen den Tag auf dem Markt und in den Bars der Stadt. Dann fühlen wir uns wieder fit, die Kraftreserven sind wieder voll aufgeladen und wir brechen auf in das Santa Cruz Tal. Der bisherige Verlauf der Expedition stimmt uns optimistisch und wir hoffen auch am Alpamayo gute Bedingungen vorzufinden. Wir haben uns bewusst sehr Früh und ganz am Anfang der Saison nach Peru aufgemacht um den großen Ansturm auf die Gipfel der Cordillera in der Hauptsaison auszuweichen. Das Risiko dabei ist es auf tiefen Pulverschnee in den höheren Lagen zu treffen, die ein Weiterkommen unmöglich machen. Auch das Wetter ist im Juni noch wesentlich instabiler als im Juli und August.

Der Zustieg von Cashapampa durch das Santa Cruz Tal ist atemberaubend schön und abwechslungsreich zugleich. Immer entlang eines Baches geht es durch ungewohnte Vegetationen und vorbei an wunderschönen Plätzen zum Campen. Auf halber Strecke zum Basecamp schlagen auch wir für eine Nacht unsere Zelte auf und genießen das angenehm warme Klima hier im Tal. Tags darauf geht es vorbei an der idyllischen Laguna Jatuncocha, rechts von uns befindet sich ein weiterer Berg der sich das Prädikat „schönster Berg der Erde“ ohne weiteres verdienen würde: Der Artesonraju. Wir kommen ob der atemberaubenden Gipfel um uns herum kaum aus dem Staunen heraus. Als wir bald darauf in ein Seitental in Richtung Laguna Arhuaycocha abbiegen steht er plötzlich vor uns: Der Alpamayo. Wir erkennen ihn jedoch nur deshalb, weil wir vom Blick auf die Karte wissen, dass es sich um den Alpamayo handelt. Die berühmte Flanke mit den kühnen Eisschläuchen werden wir erst im High Camp auf 5.500 m zu Gesicht bekommen. Doch auch von dieser Seite ist es eine beeindruckende Berggestalt zu der wir aus dem Basecamp immer wieder ehrfürchtig emporblicken.

Wir sind bereits bestens akklimatisiert und nach wie vor top in Form, deshalb beschließen wir das gute Wetter zu nutzen und nach einer Nacht im Basecamp auf 4.300 m direkt zum High Camp auf 5.500 m aufzusteigen. Wir packen unsere Zelte und Ausrüstung zusammen und machen uns an den anspruchsvollen Aufstieg. In Zukunft wird der Zustieg zum Hochlager immer mehr die Schlüsselstelle für eine Besteigung des Alpamayo werden. Hier leidet der Gletscher besonders unter der Klimaerwärmung. Kurz vor der Scharte gilt es den Bergschrund zu überwinden und über einen steilen Eisschlauch den Grat zu erreichen. Die Bedingungen sind jedes Jahr ziemlich unterschiedlich und verschlechtern sich tendenziell immer weiter. Doch als wir oben sind und ein paar Meter auf der Westseite zum Hochlager absteigen steht er in seiner wahren Pracht vor uns und zeigt sein berühmtes Gesicht. Während des Aufbauens unserer Zelte schießen wir unzählige Fotos in den sich immer wieder verändernden Lichtverhältnissen die den Berg in allen möglichen Farben erstrahlen lassen. Die Bedingungen schauen super aus und wir werden in dieser Saison unter den ersten Gipfelaspiranten sein. Die Route ist in den unglaublichen Eisschläuchen mehr als logisch und mit einem guten Gefühl im Bauch legen wir uns in unsere Schlafsäcke.

Der Gipfeltag

Der Wecker läutet uns unsanft aus unseren warmen Schlafsäcken hinaus in die bitterkalte Nacht auf weit über 5.000 m. Stumm führen wir unsere routinemäßigen Handgriffe aus um wenig später startbereit samt Klettergurt, Eisgeräten, Sicherungsmitteln und in Seilschaft aufgereiht vor unseren Zelten zu stehen.

Der Zustieg ist kurz und es geht zunächst abwärts. Schnell stehen wir am Beginn der „French Direct“. Unserer ausgewählten Route für den Aufstieg. Die Bedingungen sind phänomenal. Schnell kommen wir höher und sind dabei heilfroh, dass außer uns lediglich eine weitere Seilschaft in der Route ist. Jeder kleine Eisbrocken wird in diesen engen Eisschläuchen zu einem ungemütlichen Geschoss und immer wieder hallt ein Schmerzensschrei eines hinten Nachkletternden durch die Morgendämmerung. Mit einigen blauen Flecken aber dafür umso glücklicher erreichen wir bereits in den frühen Morgenstunden den Gipfel. Wir sind wesentlich schneller vorangekommen als gedacht und genießen die Aussicht von diesem Minigipfel der kaum Platz für 4 Personen bietet.

 

Wir seilen uns wieder über die Aufstiegsroute ab und wünschen der amerikanischen Seilschaft die außer uns noch in der Route ist viel Erfolg. Zurück im Hochlager nutzen wir den restlichen Tag, packen unsere Zelte wieder zusammen und steigen noch am selben Tag wieder ab ins Basislager, wo die Nächte wesentlich angenehmer und milder sind. Im warmen Schlafsack und mit einem unglaublichen Glücksgefühl darüber, alle unsere Gipfelziele erreicht zu haben, schlafen wir ein und träumen bereits von möglichen Gipfelzielen für eine weitere Reise in die Cordillera Blanca, einem Gebirge mit unfassbar vielen Möglichkeiten.

Vor dem Start zu Hause hatte ich mir so gedacht wenn wir 2 der angestrebten Gipfel erreichen wäre ich zufrieden. 3 wären super, aber dass wir alle 4 ohne große Probleme erreicht haben war einfach nur phantastisch. Dass wir die Klassiker Machu Picchu und Titicacasee, die fast schon zum Pflichtprogramm für Peru reisende gehören, sausen ließen, war mir komplett egal. Denn ich komme bestimmt wieder…

Grundlagen Hochtouren
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