Ciavaces - Micheluzzi (VI)



Wieder stehen wir an der Südseite des Sellamassivs. Es ist noch dunkel. Bereits am Tag zuvor hatten wir eigentlich die Micheluzzi geplant zu klettern. Eine ziemlich nasse Wand von den starken Regenfällen in der Nacht hatte uns jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht und wir sind auf die Abram Kante ganz rechts am Ciavaces Felsriegel ausgewichen.



Nun stehen wir erneut vor dem Auto und versuchen in den Silhouetten der Wand zu erkennen ob es heute besser ausschaut. Der Tag vorher war strahlend schön und es hat keinen Tropfen Niederschlag gegeben. Die dunklen Streifen, die als nasse Wandpartien gut zu erkennen sind, sind deutlich weniger. Der Wasserfall rechts nach dem langen Quergang wird so gut wie immer sein, der Rest der Route schaut vielversprechend aus.



Der Grund warum wir so früh am Einstieg stehen ist nicht der Länge der Route oder den großen Schwierigkeiten die zu erwarten sind geschuldet, sondern der Tatsache, dass wir um 13 Uhr wieder in Brixen bei der Arbeit sein müssen. Die Route hat insgesamt 13 Seillängen, knapp 400 Meter Kletterstrecke und ist für ganz flotte Seilschaften in 4 Stunden zu meistern. Wir rechnen mit 5.



Ein kurzer Zustieg vom üblichen Parkplatz des Ciacaces führt uns an den Wandfuß. Selbst in der Dämmerung ist der Einstieg einfach zu finden. Ein in den Felsen geritzter Pfeil sowie ein erster speckiger und glatt polierter Griff lassen keine Zweifel aufkommen. Wie eine Linie zeigt der von den vielen Begehungen und durch das nachziehen der Seile abgeschliffene Fels den Verlauf der ersten Seillänge - die leicht nach rechts oben verläuft - an.




Zurückversetzt in das Jahr 1935, als Castiglion und Micheluzzi diese - für die damalige Zeit unglaublich bemerkenswerte Route - eröffnet haben, lässt uns staunen, welchen Mut die Männer damals hatten, mit der damaligen Ausrüstung in derart kompakte Platten einzusteigen. Normalerweise folgen diese alten klassischen Touren den Schwachstellen der Wand, entlang von Rissen und Kaminen, die mit den damaligen Mitteln besser abzusichern waren. Hier in dieser Tour ist der Verlauf der Route oft gar nicht so eindeutig, vor Allem wenn man das Jahr der Erstbegehung im Hinterkopf hat. Eine absolute Meisterleistung. Aufgrund der vielen Begehungen die diese Tour inzwischen vollkommen zurecht erhalten hat, ist das Finden der richtigen Linie heute kein Problem mehr. Wenn man weiß worauf schauen, sind die Spuren kaum zu übersehen.



Es klingt jetzt alles nach einer abgeschmierten, rutschigen und speckigen Route. Lässt man sich jedoch vom ersten Griff am Beginn nicht irritieren ist der Fels noch sehr rau, in der gesamten Route sind vielleicht 2 Griffe und ein Tritt wo der etwas abgegriffene Fels minimal störend ist, der Rest der Tour ist ein absolutes Gedicht. Die schwarzen kompakten Platten bieten wunderbare Kletterei. Oft sind es nur wenige Löcher als Griffe, die sich schön aneinanderreihen und einen von unten kaum kletterbar aussehenden Wandbereich ideal auflösen, ohne übermäßig schwierig zu werden.



Die ersten 4 Seillängen verlaufen viel im V. Grad. Es gibt eine kurze Stelle VI, welche mit einem Bohrhaken super abgesichert ist gleich zu Beginn der 4. Länge. Alle Stände sind mit Bohrhaken ausgestattet. Ab Seillänge 5 beginnt das Prunkstück der Route, der Teil für die sie so bekannt ist und die einmal mehr beweist, welches Gespür für die Linie die Erstbegeher damals hatten. Es folgt der lange Quergang nach rechts. Insgesamt 5 Seillängen werden gequert. Die ersten beiden kann man noch gut zusammenhängen, danach sind es zwar kurze Längen, es ist aber angenehm diese auch so zu machen wie im Topo von Mauro Bernardi angegeben (siehe unten am Ende des Berichts).



Der Weg verläuft mal quer, mal leicht aufsteigen, dann jedoch auch immer wieder senkrecht mehrere Meter abkletternd. Es stecken jede Menge Haken, die Stellen, an denen abgeklettert wird sind für die Moral des Nachsteigers eventuell auch langen fixen Seilstücken entschärft. Ein Genuss im sechsten Grad.



Am Ende des Quergangs erreichen wir den Wasserfall. Hier geht es wieder nach oben. Es folgen noch einige Seillängen im V. Grad. Am Anfang links des Wasserfalls, dann mal darüber, jedoch im Trockenen, da man außen an der Rinne klettert und das Wasser innen abfließen kann. Auch wenn es vom Boden aus gesehen nicht so ausschaut, es sind nur einzelne nasse Griffe zu halten, die jedoch so gut sind, dass es kein Problem darstellt. Hier gibt es sicher Tage, an denen es mehr nasse aber auch mehr trockene Bereiche gibt.



Plötzlich stehen wir am Gamsband. Die Seillängen verlaufen immer in einem konstanten Schwierigkeitsbereich. Sind fordernd, jedoch nie übermäßig schwierig oder moralisch und vergehen wie im Flug. Nach etwas weniger als 5 Stunden haben wir alles geklettert. Mir hat die Route richtig gut gefallen. Ein Klassiker, der beeindruckend das Können und den Mut von Micheluzzi und Castiglioni zur Schau stellt. Heute kennen wir den Verlauf der Route, haben ein super Topo, wissen welche Schwierigkeiten uns erwarten, klettern mit den modernsten Kletterpatschen mit Vibramsohle, die es uns erlaubt zu steigen wo wir wollen ohne abzurutschen, verwenden super dünne und dynamische Seile, haben Bohrhaken in den Ständen und einen Hüftgurt an. Damals war das alles noch etwas anders…



Noch kurz zum Abstieg: Dam Gamsband folgen bis man auf die Normalwege zu den Sellatürmen gelangt. Über diese abkletternd (max. III) oder über 2 kurze Wandstellen abseilend hinunter auf einen Weg der ohne weitere Schwierigkeiten zurück zum Parkplatz führt.




Topo: Ciavaces - Micheluzzi (VI)

Quelle: Klettern in Gröden und Umgebung - Band 1 (Mauro Bernardi)

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Tags: Alpinklettern, Südtirol, Dolomiten, Gröden, Sella, Ciavaces, Südwand, Micheluzzi, Topo

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