Wildgall - Südwestgrat (V-)


Eigentlich ist der Wildgall berüchtigt für seine Brüchigkeit. Doch es soll einen Anstieg geben der in relativ festem Fels verlaufen soll: Der Südwestgrat. Nach längerem Suchen und nix finden außer einigen sehr kurzen Beschreibungen und der Tatsache dass der AV-Führer für die Rieserfernergruppe mit Topo der Tour praktisch nicht mehr zu bekommen ist (außer man ist bereit Preise jenseits von Gut und Böse zu bezahlen) beschlossen wir den Grat einfach zu probieren.


Gesagt getan. In der Dunkelheit stiegen wir auf bis zur Kasselerhütte und bald sahen wir den Hochgall und rechts daneben den Wildgall vor uns. Doch „shit“ dachten wir uns als wir sehen, dass alles oberhalb von 2.900 mt. eingeschneit war. Egal, Steigeisen haben wir dabei und die kalten Temperaturen haben das brüchige Gestein an den Berg gefroren – haben wir uns eingeredet. Der Grat ist in seinem gesamten Profil beim Zustieg perfekt zu sehen. Er verläuft vom Gipfel ausgehend nach rechts hin zu einer Scharte welche wir direkt in weglosem Gelände ansteuern. Hier montieren wir auch die Steigeisen und beginnen den Aufstieg bei winterlichen Bedingungen.




Der Grat ist anfangs nicht schwierig und den großen Turm im unteren Teil umgehen wir wie in einer kurzen Beschreibung gefunden in der Südflanke und gelangen über eine Rinne wieder zurück zum Grat.

Nun beginnt der Aufstieg interessanter zu werden. Einige sehr schöne Kletterstellen in zum Teil sehr ausgesetztem Gelände mit klasse Tiefblicken folgen. Die Schwierigkeit ist mit V- finde ich gut angesetzt und trifft vielleicht bei den schlechten Verhältnissen wie bei unserer Begehung zu. Ohne Schnee ist die Tour vermutlich sogar etwas leichter.

Oben wird der Grat flacher und es geht ehern Horizontal über zahlreiche Türmchen zum Gipfel. Irgendwie haben wir immer auf den schlechten Fels gewartet, er ist aber nie so schlecht geworden wie befürchtet.



Warum der Wildgall jedoch diesen so extrem brüchigen Ruf hat sollten wir noch am eigenen Leib spüren: Wir finden die Abseilpiste über die Westflanke ohne Probleme und beginnen mit dem Abseilen. Nach 3 längen stehen wir beide am Stand und bereiten die nächste Länge vor als wir von oben ein gruseliges Donnern hören. Beim Blick hinauf wird mir schlecht: Ein kühlschrankgroßer Felsbrock hat sich etwas links über uns im Gipfelbereich gelöst und fliegt genau auf uns zu. Ich beobachte den Brocken so lange wie möglich und gemischt mit dem schauderhaften Donnern beginne ich schon mal das Schlimmste zu befürchten. Wir sitzen am Stand hängend ohne Ausweichmöglichkeiten in der Falle.



Die Zeit vergeht in Zeitlupe und als der Brocken auf einem riesigen quer Liegenden Felsen aufschlägt und in mehrere Teile zerbricht kommt Hoffnung auf. Ich sehe noch wie Teile – und vor allem die größten Bruchstücke – so abprallen als ob sie uns verfehlen könnten. Dann heißt es Kopf runter, Körper ganz nahe an den Fels und warten. Neben uns schlagen die Steine in sekundenlangem Hagel ein, immer wieder treffen uns einige kleinere Geschosse und ich warte eigentlich nur mehr auf den einen der die Lichter ausknipst. Langsam wird es wieder ruhiger und die Einschläge seltener…bis sie irgendwann komplett aufhören. Sofort vergewissern wir uns nach dem Wohlbefinden des anderen und nach weiteren Sekunden traue ich mich nach oben zu schauen. Es scheint vorerst vorbei. Ab jetzt Vollgas: nur mehr darauf konzentriert so schnell wie möglich nach unten zu kommen funktionieren wir wie Uhrwerke: jede Bewegung sitzt und wir sprechen kein Wort. Nach Bangen Minuten, mit immer wieder kleineren Steinschlägen die nachkommen, erreichen wir schließlich wieder festen Boden und begeben uns in sicheren Respektabstand zum Berg.




Jetzt wird uns erst klar welches Glück wir hatten. Die Helme sind ordentlich in Mitleidenschaft gezogen und haben uns sicherlich das Leben gerettet. Auf der Kasselerhütte erzählt uns die Hüttenwirtin, dass sie von Bergführern die Empfehlung hat niemanden mehr auf den Wildgall zu lassen. Wir können nur zu gut nachvollziehen warum. Wäre das am Abstieg nicht passiert müsste ich den Südwestgrat absolut weiterempfehlen. Die Kletterei macht Spaß und ist kurzweilig, ausgesetzt und in gar nicht schlechtem Fels. Leider verläuft die Abseilpiste derart ungünstig in einer Rinne, dass man den Steinschlägen (die fast Bergsturzmäßige Ausmaße annehmen können) komplett ausgeliefert ist. Sollte es irgendwann eine bessere Piste geben (oder gibt es diese und ich kenne sie nicht) dann würde ich den Südwestgrat auf den Wildgall definitiv wiederholen.



GPX Daten:

Wildgall_Suedwestgrat
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Tags: Alpinklettern, Südtirol, Rieserfernergruppe, Ahrntal, Wildgall, Südwestgrat

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