Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

SCHNEEVERHÄLTNISSE

Den besten Schnee für die nächste Skitour finden

Die Schneekunde soll die Entstehung von Schnee, Eiskörnern und Kristallen erläutern sowie die Schneecharakteristik beschreiben. Im Gelände zu erkennen und verstehen welchen Charakter und Form der Schnee aktuell aufweist ist wichtig für die Beurteilung der Lawinengefahr, aber auch bei der Tourenplanung für den Spaßfaktor auf Tour um bestmögliche Schneeverhältnisse zu erahnen und zu finden. Dazu ist es wichtig zu wissen wie der Schnee aufgebaut ist, wie er sich bei entsprechenden Temperaturen verhält und welche Wandlungen innerhalb der Schneedecke von statten gehen.

Entstehung von Schnee

Im Wesentlichen braucht es folgende 3 Voraussetzungen damit sich Schneekristalle bilden:

  • Kondensationskern (Wassertröpfchen gefrieren beim Unterschreiten der 0° Grenze nicht von selbst, sondern werden weiter unterkühlt. Erst bei -39°C gefrieren sie spontan)

  • Hohe Luftfeuchtigkeit

  • Temperatur unter 0°C

Sobald der Anteil an unsichtbarem Wasserdampf in der Luft entsprechend hoch und die Temperaturen entsprechend niedrig sind bilden sich die Kondensationskerne, und die gefrierenden Wassermoleküle lagern sich an den Kernen an, und die Kristalle beginnen in allen möglichen Formen zu wachsen:

  • Säulen

  • Nadeln

  • Plättchen

  • Sterne

  • Unregelmäßige Kristalle

  • Graupeln

  • Hagel

  • Eiskügelchen

Die Bildung dieser Kristalle findet in den Wolken statt. Sobald sie größer und schwerer werden, beginnen sie zu fallen. Während des Fallens verändern sie ihre Form ständig, werden wieder aufgetrieben und wachsen zum Teil zu Schneeflocken mit mehreren cm Durchmesser bis sie schließlich den Boden erreichen. Die Schneeflocken bleiben auch bei Temperaturen über 0°C bestehen, da der Wärmeentzug der Luft nicht ausreicht um die Kristalle zum Schmelzen zu bringen. So kann es auch bei Lufttemperaturen von +4°C noch schneien.

 
Schneeumwandlung

Sobald der Schnee am Boden liegt beginnt der Wandlungsprozess: Dabei sind folgende physikalische Gesetze für die Umwandlung verantwortlich:

  • Die Eiskristalle haben das Bestreben die kleinstmögliche Oberfläche (Kugel) anzunehmen.

  • Durch den hohen Dampfdruck an den Spitzen der Kristalle werden dort vermehrt Wassermoleküle abgegeben

  • Wasserdampftransport innerhalb der Schneedecke

  • Die freie Oberflächenenergie und die vom Boden zuströmende Wärmeenergie sind der Antrieb für die Wasserdampfdiffusion

Bei den Umwandlungsvorgängen werden folgende drei Arten unterschieden die sich entweder sehr günstig oder sehr ungünstig für die Schneedeckenstabilität auswirken:

  • Abbauende Umwandlung

  • Aufbauende Umwandlung

  • Schmelzumwandlung

 
Die abbauende Umwandlung

Sobald der Schnee am Boden liegt, beginnt der Prozess der abbauenden Umwandlung:

  • Verästelungen werden eingezogen

  • Spitzen und Vertiefungen gleichen sich aus

  • Ästchen brechen ab

Im Bestreben ihre Kugelform zu erreichen verändern die Schneekristalle ihre Oberfläche und Größe. Neuschnee wandelt sich somit zunächst in filzigen Schnee und danach in rundkörnigen Schnee um. Mit der Umwandlung wird der Porenraum zwischen den Körnern verkleinert, das Volumen der Schneedecke nimmt ab und die Schneedecke „setzt“ sich. Das führt zu einer Verfestigung des Neuschnees. Die abbauende Umwandlung findet statt, sobald der Temperaturgradient innerhalb der Schneedecke weniger als 15°C pro Meter beträgt. Die Temperatur muss unterhalb der 0°C Grenze liegen. Je kälter die Lufttemperatur desto länger braucht die abbauende Umwandlung. Bei -5°C dauert die Umwandlung zum Beispiel zwischen einer und zwei Wochen.

Abbauend Umgewandelter Schnee bedeutet für Skitourengeher günstige Verhältnisse, weil sich die abgerundeten Eiskristalle untereinander wieder gut verbinden und innerhalb der Schneedecke keine Schwachschicht entsteht.

 
Die aufbauende Umwandlung

Von der aufbauenden Umwandlung spricht man, wenn bei der Veränderung der Schneekörner neue Kristallformen entstehen. Es bilden sich Becherkristalle – der sogenannte Schwimmschnee. Die Körner werden größer und haben nur mehr wenige Kontaktpunkte zueinander. Das führt zu einer starken Entfestigung der Schneedecke. Die Umwandlung geht langsamer vonstatten und dauert zwei bis vier Wochen ohne dass sich die Schneedecke setzt. Damit der Prozess der aufbauenden Umwandlung startet braucht es einen starken Temperaturunterschied innerhalb der Schneedecke von 15°C pro Meter. Dann nämlich wird Wasserdampf von den wärmeren bodennahen Schichten nach außen transportiert und setzt sich an den kälteren Kristallen der oberflächennahen Schicht wieder fest.

Aufbauend Umgewandelter Schnee stellt ein großes Problem für die Lawinensituation dar, weil sich innerhalb der Schneedecke Schwachschichten bilden und die Entstehung von Schneebrettlawinen begünstigt wird.

 
Die Schmelzumwandlung

Schnee beginnt bei Temperaturen um 0°C und darüber zu schmelzen. Der Prozess beginnt an den Ecken und Kanten und macht die Schneekörner immer runder. Porenräume werden weniger und es tritt eine starke Setzung der Schneedecke ein. Solange der Korndurchmesser klein und die Feuchtigkeit gering ist tritt eine Verfestigung der Schneedecke ein.

Bei weiterem Schmelzen füllen sich die Porenräume mit Wasser welches nicht mehr festgehalten werden kann. Die Schneedecke verliert stark an Festigkeit. Gefriert das Wasser innerhalb der Schneedecke wieder bedeutet das eine sehr hohe Festigkeit. Eine typische Situation im Frühjahr, wenn die Nächte kalt und die Temperaturen unter Tags mild sind.

Als Firn wird der durch ständiges gefrieren und schmelzen verfestigte und zumindest 1 Jahr alte Schnee bezeichnet. Geht das über mehrere Jahre wandelt sich der Firn bei entsprechenden Bedingungen in Gletschereis um.

 

 
Schneearten

Wir kennen zwar verschiedene Schneearten aber es gibt keine genauen Kriterien zu deren Unterscheidung. Es haben sich lediglich folgende Bezeichnungen eingebürgert:

  • Lockerschnee

Lockerschnee weißt eine extrem geringe Dichte auf. Je geringer und weniger dicht der Schnee desto mehr schwärmen wir Skitourengeher vom Pulverschnee.

 

  • Neuschnee

Als Neuschnee wird der Schnee, der in den letzten 24h gefallen ist bezeichnet. Normalerweise sind hier noch die ursprünglichen Kristallformen gut erkennbar.

 

  • Windverfrachteter Schnee

Der Wind sorgt dafür, dass der Schnee verfrachtet wird. Dabei reißen die Arme der Schneekristalle und es entstehen häufig relativ gut gebundene Schneebretter. Kommen diese auf einer Schwachschicht zum Liegen wird es gefährlich für Schneebrettlawinen. Windgepresster Schnee ist nicht so angenehm mit Skiern zu befahren.

 

  • Harsch

Harsch entsteht durch das Schmelzen und Wiedergefrieren der obersten Schneeschicht. Solange diese härtere obere Schicht dünn ist und nicht tragfähig spricht man von Bruchharsch: Eine bei Skitourengehern extrem unbeliebte Schneeart, die aber häufig vorkommt und schwierig zu befahren ist.

 

  • Firn

In der Fachsprache wird von Firn erst bei mindestens einem Jahr alten Schnee gesprochen welcher durch häufiges Schmelzen und Wiedergefrieren extrem fest ist und eine sehr hohe Dichte aufweist. Wir Skitourengeher sprechen im Frühjahr von Firn sobald der stark gesetzte harte Schnee durch die Sonneneinstrahlung eine dünne weiche Schicht an der Oberfläche erhält. Dieser Schnee ist traumhaft zu befahren, die Lawinengefahr gering. Wichtig ist lediglich das richtige Timing um nicht zu spät dran zu sein. Im späteren Tagesverlauf spricht man dann vom Sulzschnee.

              

  • Faulschnee

Grobkörnige runde Schneekristalle, welche durch Wärmeeinwirkung oder Regen ihre Festigkeit verlieren. Extrem mühsam und schwierig mit Ski zu befahren da man extrem tief einsinkt und der Schnee sehr schwer ist. Zudem herrscht hohe Lawinengefahr.

 
Gewicht der verschiedenen Schneearten
 

Mit diesem Wissen und dem Verständnis wie sich Schnee unter verschiedensten Einflüssen verhält, kannst du bei deiner Tourenplanung bereits vermuten, welche Art von Schnee zu bei deiner Tour vorfinden wirst, beziehungsweise bei der Tourenauswahl berücksichtigen. Neuschneemengen, Temperatur, Höhe, Hangneigung und Windeinfluss spielen dabei eine entscheidende Rolle. Ohne Wissen über das Wetter der letzten Tage wird es schwierig die Schneeart einzuschätzen und Rückschlüsse zu ziehen. Ein komplexes und schwieriges Thema bei dem es sich lohnt genauer hinzuschauen. Der Aufwand wird mit traumhaften Abfahrten mehr als belohnt werden.

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