Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

Trekking

SELVAGGIO BLU

Fotos: Brunner Andreas

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Der Selvaggio Blu

Der Selvaggio Blu verläuft von Süd nach Nord immer entlang der wilden und zerklüfteten Felsküste des Golfes di Orosei. Er startet in Pedra Longa und führt über mehrere Tage bis zur Cala Luna oder sogar weiter bis nach Cala Gonone. Er wird gerne als schönster und anspruchsvollster Trekking Europas bezeichnet. Tatsächlich ist das Gelände hinsichtlich der Orientierung sehr anspruchsvoll. Kletterstellen bis zum IV. Grad sowie mehrere Abseilstellen (davon zweimal je 45 Meter) sind zu bewältigen und auch organisatorisch ist das Trekking ehern aufwändig. Das gesamte Wasser (und davon braucht es reichlich da man die Anstiege aufgrund der Ausrichtung immer in der prallen Sonne zu bewältigen hat) muss mitgeschleppt bzw. deponiert werden. Es braucht Kletterausrüstung und Schlafsäcke für die kühlen Nächte am Meer. Ein Abenteuer das man trotz der Nähe zum Meer und den vorbeifahrenden Ausflugsbooten der Touristen nicht unterschätzen sollte.

Etappe 1: Selvaggio Blu

Mit dem Taxi lassen wir uns zum Startpunkt nach Pedra Longa bringen. Die Route haben wir uns so eingeteilt, dass wir in 4 Etappen bis zur Cala Sisine gelangen. Wir haben uns ein Depot an der Cala Goloritze eingerichtet. Dort haben wir Wasser, Nahrung und ein zweites Halbseil für die zweite Hälfte des Trekks deponiert. Am ersten Tag wollten wir bis Portu Pedrosu kommen, dem ersten Biwakplatz direkt am Meer.

Schwer bepackt sind wir zunächst recht angenehm etwas oberhalb der Küste Richtung Norden spaziert. Auf einem perfekt markierten Pfad und ohne Orientierungsprobleme konnten wir so schon mal ordentlich Meter machen. Nach ca. 2km geht es zum ersten Mal ein längeres Stück nach oben. Es gilt einen Anstieg von knapp 700 Höhenmeter in der prallen Mittagssonne zu bewältigen. Allerdings immer auf einem nach wie vor perfekten Pfad und mit topfitten Beinen trotz der schweren Rucksäcke kein Problem.

Es geht an einer Hofstelle (Cuile Duspiggius) vorbei und nach ein paar Metern über einen Forstweg biegt man rechts ab und es beginnt langsam die Herausforderung mit der Orientierung. Zunächst sind noch jede Menge blaue Markierungen vorhanden und es wirkt fast übertrieben markiert. Doch schon bald werden diese Markierungen immer seltener und man wandert oft lange Strecken ohne zu wissen ob man noch auf dem richtigen Weg ist. Dafür heißt es nach alternativen Markierungen zu suchen. Das bedeutet alles was nicht normal ist: häufig sind es Steine die in Astgabeln gelegt wurden, Steine mit natürlichen Löchern die in Bäumen hängen oder kaum sichtbare Steinmännchen. Sobald man wieder auf eine der blauen Markierungen trifft möchte man am liebsten den markierten Stein küssen.

Über felsiges extrem scharfkantiges Gelände geht es nun vorwiegend abwärts auf dem Kammrücken in Richtung steiler Felsküste. Ein Stück weit an dieser entlang geht es danach links hinunter in die Schlucht Bacu Tenadelli. Hier wartet die erste Kletterstelle (III). Doch zunächst heißt es auf abenteuerlich ineinander verkeilten Wacholder Ästen entlang der senkrechten Wände nach unten zu steigen und nachdem man das ausgetrocknete Bachbett durchquert hat auf der gegenüberliegenden Seite entlang von einigen Fixseilen und besagter Kletterpassage im III UIAA Grad nach oben zu klettern.

Danach verlieren wir zum ersten Mal komplett den Weg und versuchen mithilfe des GPS Tracks den engen Steig durch das widerspenstige Gebüsch wiederzufinden. Stundenlang irren wir immer Richtung Portu Pedrosu gehend im Unterholz umher. Irgendwann beginnt es leicht zu regnen und als wir nicht mehr damit gerechnet hatten finden wir zurück auf den Pfad. Dank des Regens ist er nun wie eine rostbraun gemalte Linie durch Erdspuren auf den Steinen deutlich zu sehen und einfach zu verfolgen. Wieder auf dem richtigen Weg erreichen wir bald darauf unser Ziel für den ersten Tag: Die malerische Bucht Portu Pedrosu.

Etappe 2: Selvaggio Blu

Etwas Nass von einem nächtlichen Regenguss packen wir am Morgen unsere sieben Sachen und machen uns wieder auf den Weg. Unser Ziel für diesen Tag: Cala Goloritze.

 

Zunächst geht es durch einen Wald weiter bis Portu Quao, einem weiteren tollen Biwakplatz. Die zweite Etappe ist sicherlich die einfachste und ohne nennenswerte Schwierigkeiten gelangt man über mehrere Schluchten zum Aussichtspunkt Punta Salinas mit einem einzigartigen Blick auf die bucht Cala Goloritze. Wir steigen hinunter zur Bucht und mischen uns für ein paar Momente wieder unter die Zivilisation am Strand. Da es erst Mittag ist beschließen wir die Rucksäcke am Depot, das wir in der Vorwoche angelegt hatten, mit frischem Wasser und dem zweiten Halbseil für die längeren Abseilpisten beim zweiten Teil der Route zu füllen und weiterzugehen.

 

Kurz zurück über den Wanderweg hinter dem Strand biegt der Selvaggio Blu bald nach rechts ab und es folgt die nächste anspruchsvollere Kletterpassage: Pasaggio Boladina. Das sind zwei kurze Kletterstellen im IV Grad (entschärft durch Wacholderstämme und einem Drahtseil) mit einer unangenehmen Steinschlag gefährdeten Rinne dazwischen. Auf dem Bergrücken erreichen wir die malerischen Ställe Cuile S´Arcu e Su Tusaru. Hier beschließen wir unser zweites Biwak aufzuschlagen. Glücklich über das Geleistete bringen wir unsere müden Knochen in die Horizontale und träumen von blauen Buchten und weißen Klippen.

 

Die Hälfte der Route ist geschafft.

Etappe 3: Selvaggio Blu

Tag 3 wird der abenteuerlichste, wildeste und meiner Meinung nach schönste Teil der Route. Es erwarten uns viele Abseilstellen und wilde zerklüftete Schluchten.

 

Wir starten zunächst kurz hoch zu einem Kammrücken und über diesen abwärts in Richtung Punta Mudaloru. Es wird immer steiler und hier ist Vorsicht geboten nicht abzurutschen, der steile Geröllhang endet direkt an der ersten Abseilstelle (ca. 15mt.). Man folgt dem Pfad entlang einiger Höhlen beeindruckend oberhalb des Meeres bis zu einer ausgesetzten Passage die in eine Schlucht führt. Auf der anderen Schluchtseite geht es wieder steil aber unschwierig nach oben. Nun gelangt man in den Urele Wald. Ein durchwühlter Waldboden zeugt von der Anwesenheit von wilden Schweinen und es dauert nicht lange bis wir diese auch zu Gesicht bekommen. Hier kommt man wieder an mehreren Höhlen vorbei die man mit der Stirnlampe erkunden kann und mit etwas Glück findet man auch etwas Wasser das hier in Behältern aufgefangen wird. Diese Höhlen werden häufig auch als Biwakplatz genutzt.

 

Wir gehen weiter und gelangen wir zur nächsten Abseilstelle (20mt.). Es geht nun wieder direkt oberhalb vom Meer erneut eindrücklich entlang der Klippen weiter bis man oberhalb der Grotta del Fico ist. Die Gegend ist wild zerklüftet, das GPS Signal prallt an den steilen Wänden ab und ist somit keine Hilfe in diesem Abschnitt des Treks. Die Wegfindung also dementsprechend interessant und anspruchsvoll. An einer sperrigen Felsrippe klettert man kurz nach oben (III) und hat danach zwei Möglichkeiten: entweder nochmal 10 mt. über eine Rippe nach oben klettern (III) und den dahinterliegenden Kessel queren, oder an einem Baum abseilen und den Kessel etwas tiefer queren. Wir entscheiden uns für die zweite Variante. Im Tal rechts geht es wieder nach oben, der Weg ist gut zu erkennen. Kurz bevor man die Cuile Piddi erreicht zweigt der Selvaggio Blu wieder rechts ab und man erreicht die eindrucksvolle Passage Su Nurca: Ein enger Felsspalt durch den man hindurch muss um dahinter zum längeren Abseiler hinunter in den Biriola Wald zu gelangen. (Erst 25 mt. danach 45 mt.) Nach dem Abseilen folgen wir dem Pfad durch den Wald ein Stück hinunter bis wir zu einem wunderschönen Biwakplatz hoch über dem Meer gelangen. Unser Etappenziel für diesen Tag.

 

Wir sind viel weiter Gekommen als wir dachten an diesem Tag und es ist nur mehr ein kurzes Stück des Weges zwischen uns und unserem Ziel: Der Cala Sisine.