Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

Der Ausbruch des Ätna, die Verwirklichung eines Kindheitstraums

Die Gewalten der Natur hatten immer schon eine große Anziehungskraft auf mich! Als Kind habe ich Bücher über Naturkatastrophen und Vulkane verschlungen und habe nur darauf gewartet dass irgendwo eine Dokumentation darüber läuft.

Ein heimlicher Traum war es immer, irgendwann einen Vulkanausbruch zu erleben. In der naiven Hoffnung vielleicht das Glück zu haben plante ich zusammen mit Philipp meinem Arbeitskollegen eine kleine Rundreise zu den Vulkanen Italiens. Innerlich wünschte ich mir dass der Ätna auf Sizilien genau zum richtigen Zeitpunkt eine seiner regelmäßigen aktiven Phasen haben würde.

Um auf Nummer sicher zu gehen zumindest Lava zu sehen, war auch ein Besuch des Stromboli eingeplant. Er gilt als einer der aktivsten Vulkane weltweit und stößt mehrmals täglich eine Portion Asche und Lava in den Himmel. Die Reise komplett machen sollte der Besuch des Vesuv bei Neapel.

Per Propellermaschine ging es dann in den Osterferien von Bozen nach Rom und von Rom weiter mit einer etwas vertrauenswürdigeren Maschine nach Catania. Der Taxifahrer dachte wir sind auf der Brennsuppe daher geschwommen und wollte 30€ für 3km Fahrt in seiner Rostlaube vom Flughafen zum Hostel. Die bekam er natürlich nicht.

Am nächsten Morgen war ich aufgeregt wie ein Kind zu Weihnachten, endlich sollte es zum Ätna gehen. Wir liehen uns für 2 Tage einen Scooter und fuhren zum Rifugio Sapienza, die Talstation der Seilbahn. Sofort machten wir uns auf den Weg in Richtung Gipfelkrater. Wir hatten aufgrund des dichten Nebels null Sicht. Zum Glück gab es keine Chance vom Weg abzukommen da sich links und rechts der Straße eine meterhohe Schneewand befand. Plötzlich waren wir über den Wolken und konnten die Gipfelkrater sehen. Doch mein heimlicher Wunsch erfüllte sich nicht. Der Ätna war komplett ruhig. Aus ein paar Löchern dampfte es und es ging ein orkanartiger Wind mit Böen von über 100 kmh. Trotzdem war es aufregend direkt an die Kraterränder zu gehen und in den Abgrund zu schauen und sich die Kräfte, die bei einem Ausbruch frei werden, vorzustellen. Leider setzte sich das stürmische Wetter auch in den nächsten Tagen fort und so wurde auch aus unserem Plan B den Stromboli in Aktion zu sehen nichts. Wir schafften es wegen des hohen Wellengangs lediglich bis zur Insel Lipari, besuchten die benachbarte Vulkaninsel Vulcano, wo wir uns ein Schlammbad in den heißen Quellen der Insel gönnten und mischten uns einige Tage später in Neapel unter die Menschenschar welche den Vesuv besucht.

Am Ende blieben von dieser Reise zwei Lektionen hängen. Es ist nicht möglich am Ostermontag auf Lipari Trinkwasser zu kaufen. Und deshalb zum Kochen der Spaghetti Meerwasser zu verwenden ist keine gute Idee. Außerdem wurde auf dieser Rundreise mein Traum, die entfesselten Krafte dieser schlafenden Naturgewalten zu erleben noch weiter verstärkt.

Doch mein Wunsch ging nicht in Erfüllung…vorerst.

Es sollten noch eineinhalb Jahre vergehen bis sich eine Möglichkeit ergab. Nach dieser ersten Reise habe ich mich immer auf dem Laufenden gehalten was der Ätna gerade so macht. Es war Anfang Dezember 2015 als es ernst wurde. Nach einigen Alarmzeichen und steigender Aktivität gab es am 03.12. einen gewaltigen Ausbruch. Wie es der Zufall wollte war der darauffolgende Dienstag ein Feiertag und so stand mein Entschluss fest: Jetzt oder nie. Ich buchte ich das Erstmögliche Flugticket von Florenz nach Catania direkt am Samstag Früh (was sich als Fehler herausstellte), fuhr nach der Spätschicht nach Hause, packte meine sieben Sachen und startete zum Flughafen nach Florenz. Was ich nicht mit einkalkuliert hatte: Der Flughafen Catania wurde in der Nacht wegen eines weiteren Ausbruchs und der Aschwolke, die sich genau über die Stadt bewegte, gesperrt. So saß ich erstmal in Florenz fest und ärgerte mich über meine eigene Dummheit.

Der Ausbruch von 2015 war eine der heftigsten Eruptionen des Ätna in den letzten Jahrzehnten. Hier ein Bild vom Ausbruch am 03. Dezember. Eine Lavafontäne von 1000 Metern Höhe bildete sich. Gesteinsbrocken flogen sogar bis zu 3000 Meter über den Rand des Kraters.

Im Laufe des Vormittags kam dann etwas Bewegung in die Sache und plötzlich hieß es Check-In: „Der Flug geht nach Palermo und von dort werden wir mit dem Bus nach Catania gebracht.“

Gesagt getan. In Sizilien angekommen, die Aktivität des Ätna ständig verfolgend, gab es einen weiteren starken Ausbruch. Ich saß aber noch im Bus nach Catania und bildete mir ein, eine Aschewolke und die 1000 Meter hohe Lavafontäne zu sehen. Endlich am Flughafen konnte ich es kaum erwarten den Mietwagen zu erhalten und meinen Traum zu erfüllen. Als ich am Rifugio Sapienza war, packte ich sogleich meine Kameraausrüstung ein und rannte die 1400 Höhenmeter wie ein geisteskranker in eineinhalb Stunden nach oben, um…nichts zu sehen. Der Ausbruch war bereits wieder vorbei. Es gab zwar noch vereinzelte Explosionsgeräusche und Asche aber es flogen weder glühende Gesteinsbrocken noch war irgendwo Lava zu sehen wie ich mir das immer vorgestellt hatte. Ich wartete noch eine Weile aber es passierte nichts mehr. Enttäuscht machte ich mich wieder an den Abstieg. Es war bereits 22 Uhr.

Die Nacht konnte ich kaum schlafen, immer wieder checkte ich mein Handy, um die Aktivitäten des Ätna zu überprüfen. Plötzlich bemerkte ich eine Veränderung in der Tremor Kurve. Es war 4 Uhr Früh. Wohl wissend dass die letzten drei Ausbrüche nur wenige Stunden andauerten packte ich meine Kameraausrüstung in den Rucksack und rannte wieder den Ätna hoch. Diesmal war ich zu früh dran, während ich einige Fotos vom Sonnenaufgang und der Umgebung schoss, steigerte sich die Aktivität am Krater im Minutentakt bis es endlich soweit war: Explosionsgeräusche waren zu hören und der Ätna schleuderte glühende Gesteinsbrocken aus einem neuen Krater an der Südostflanke des Gipfelaufbaus. Kaum zu glauben dass wir eineinhalb Jahre vorher noch genau an dieser Stelle gestanden hatten und die riesigen gelben Schwefelflecken und Fumarolen bewunderten.