Vulkanausbruch am Ätna - ein Kindheitstraum

Bei einem ersten Besuch der Vulkane Italiens (Ätna, Vulcano und Vesuv) und dem Erkunden ihrer unmittelbaren Umgebung konnte ich die Naturgewalt die innerhalb dieser Feuerberge schlummert nur erahnen. Es sind atemberaubende und einzigartige Landschaften die Vulkane erschaffen. Einmal diese Kraft und dieses Spektakel hautnah zu erleben, das war und ist einer meiner größten Kindheitsträume. Nach diesem Besuch habe ich mich intensiv mit dem Ätna beschäftigt und seine Aktivitäten über einen längeren Zeitraum verfolgt. Irgendwann schien der richtige Moment endlich gekommen zu sein:

Es geht los!

Wie ein Verbrecher auf der Flucht laufe ich an der Südflanke des Ätna hoch. Die Sonne ist bereits vor einer Weile hinter dem Horizont verschwunden und die Szenerie in der ich mich befinde ist irgendwie unheimlich. Weit entfernt ist dumpfes Donnern zu hören und die Nacht ist rabenschwarz. Im Schein meiner Stirnlampe tänzeln jede Menge kleine Flocken. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es für Schneeflocken halten. Das Atmen in diesem Ascheregen fällt mir schwer. Trotzdem weiß ich, dass ich mich beeilen muss, wenn ich nicht zu spät kommen will. Insgesamt sind es etwas mehr als 1.000 Höhenmeter die ich zurücklegen muss, um vom Rifugio Sapienza bis zu den Gipfelkratern zu gelangen. Sicherlich zum größten Teil die körperliche Anstrengung, aber auch die Aufregung auf das was mich erwarten wird, lassen meinen Puls jenseits von 180 Schlägen steigen. Seit ich mit etwa acht Jahren ein Buch über die Vulkane unserer Erde in die Finger bekommen habe war es mein Kindheitstraum einmal hautnah bei einem Vulkanausbruch dabei zu sein. Die Bilder aus diesem Buch von glühend heißer Lava die entlang von Bergflanken herabfließt während der Krater heiße Gesteinsbrocken durch die Luft schleudert geistern in meinem Kopf herum. Nach einer Stunde komme ich endlich in Sichtweite des Gipfels mit seinen 4 Kratern. Doch aus keinem von ihnen strömt Lava, es fliegen auch keine glühend heißen Gesteinsbrocken durch die Gegend. Das einzige was noch zu sehen ist, ist ein leichter orangefarbener Schimmer über der Voragine - dem Hauptkrater des Ätna - und gelegentliche Explosionen im inneren des Kraters zeugen von einem abklingenden Ausbruch. Meine Enttäuschung ist riesig.

Alles umsonst!

Sollte meine spontane und abenteuerliche Anreise umsonst gewesen sein? Seit einer Weile hatte ich die Aktivitäten des Ätna zuhause verfolgt. Nachdem sich im Herbst die Anzeichen eines bevorstehenden Ausbruchs gemehrt hatten war es jetzt im Dezember endlich soweit. Der Ätna ist ausgebrochen, und wie. Es ist eine der heftigsten Eruptionen der letzten Jahrzehnte. Schnell habe ich mir einen Flug von Florenz nach Sizilien gebucht, meine Sachen gepackt und bin zum Flughafen gefahren. Dort hätte ich mir am liebsten in den Hintern gebissen. Der Flug nach Catania war vorerst gestrichen. Logisch: Die Aschewolke. Während ich mich über meine eigene Dummheit ärgerte brach der Ätna ein zweites Mal aus. Wieder dauerte der Ausbruch nur wenige Stunden. Es entstanden 1.000 Meter hohe Lavafontänen, Gesteinsbrocken flogen sogar 3.000 Meter über den Kraterrand hinaus. Zu gerne wäre ich jetzt bereits auf Sizilien gewesen. Stattdessen hieß es vorerst warten. Plötzlich kam Bewegung in die Sache und der Check-In startete. Wir landeten in Palermo und wurden mit Shuttlebussen nach Catania gebracht. Ein dritter Ausbruch ereignete sich während ich noch im Bus saß. Endlich in Catania angekommen schnappte ich mir mein Mietauto, schoss die Straße bis zum Rifugio Sapienza hoch, lief über die Südflanke des Berges hoch und jetzt stehe ich hier und bin zu spät.

Hier ein Bild vom Ausbruch am 03. Dezember den ich am Flughafen hockend verpasst habe. Eine Lavafontäne von 1000 Metern Höhe bildete sich. Gesteinsbrocken flogen sogar bis zu 3000 Meter über den Rand des Kraters.

Ätna - was machst du?

So mystisch und schön die Stimmung nach diesem Ausbruch am Berg auch ist, meine Stimmung ist gedrückt als ich mich an den Abstieg mache. Meine Hoffnung ist es jetzt, dass der Ätna noch Reserven hat. Dieser letzte Ausbruch war bereits weit weniger heftig als die vorherigen und ich mache mir Sorgen, dass ich am Ende wirklich unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahre.

Es ist soweit!

Mein Schlaf ist unruhig. Immer wieder prüfe ich den Tremor. Dieser zeigt sozusagen den Herzschlag des Berges an. Beginnt der Tremor zu steigen, wird der Krater wieder aktiv. Um 4 Uhr morgens ist es tatsächlich so weit. Plötzlich hellwach und überzeugt dieses Mal nichts zu versäumen schnappe ich meine Fotoausrüstung und laufe den mir bereits bekannten Weg nach oben. Dieses Mal weiß ich, dass ich nicht zu spät kommen werde. Ich kann die Explosionen immer lauter hören und ein orangefarbener Schimmer strahlt von einer gewaltigen Aschewolke zurück auf den Boden. Endlich komme ich in Sichtweite der Krater. Es zischt und donnert, glühend heiße Lava wird explosionsartig über den Kraterrand geworfen. Die Bilder aus dem Buch in meiner Kindheit sind plötzlich real vor meinen Augen und ich kann es kaum glauben. Wie gebannt schaue ich auf das Naturspektakel das sich mir bietet. Für einige Minuten sauge ich diese unbeschreibliche Atmosphäre auf und genieße diesen Traum der in Erfüllung geht. Erst danach packe ich meine Fotoausrüstung aus und beginne diese Feuershow aus den verschiedensten Perspektiven zu fotografieren.