Südtirolalpin

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SKITOUREN

10 Tipps und Tricks für deine ersten Schwünge im Pulverschnee

Skitouren erleben einen enormen Anstieg in der Beliebtheit bei Wintersportlern. Wer einmal die überfüllten Pisten und überteuerten Tageskarten in den Skigebieten verlässt und sich auf eine Skitour begibt, den lässt das Fieber nur selten wieder los. Die bei vielen verhasste kalte Jahreszeit bekommt plötzlich einen neuen Reiz. Anstelle von Trübsal und Niedergeschlagenheit herrscht Vorfreude und Abenteuerlust sobald der erste Schnee die Berggipfel bedeckt. Hier habe ich 10 Grundlegende Tipps damit auch du bald durch die tief verschneiten Hänge wedelst.

1. Skifahren lernen

Ohne Frage: Das Um und Auf damit eine Skitour überhaupt Spaß machen kann ist eine Basis an skifahrerischem Können. Wer jetzt denkt er carvt seit Jahren über präparierte Pisten und das Ganze auf den Tiefschnee zu übertragen wir sicher kein Problem, der muss enttäuscht werden. Es ist verflixt schwierig einen sauberen Schwung von der Piste in den Pulver zu übertragen. Ohne Frage: Wirklich starke Skifahrer werden das im Null-Komma-Nix heraußen haben. Für die restlichen 98% der Normalopistenfahrer  braucht es eine Menge Übung bis das so locker Flockig aussieht wie bei den alten Hasen unter den Skitourengehern. Damit man also nicht auf dem Gipfel steht, nicht Ahnend dass der anstrengende Aufstieg noch der angenehme Teil der Tour war kann ich euch nur Tipp 2 empfehlen:

 
2. Sammle viele Meter im Tiefschnee - am besten in der Nähe von Pisten

Was ist effektiver:

  • Nach 3 Stunden Aufstieg durch tiefen Schnee mit müden Beinen einmal ins Tal zu „mergeln“ und den Schnee zu  verfluchen. Zurück am Parkplatz dermaßen aus dem letzten Loch pfeifen und schwören, die Tourenski für den restlichen Winter in den hintersten Winkel des Kellers zu verbannen? 

oder...

  • Nach Neuschneefällen einen Tagespass kaufen und gemütlich vom Lift aus die besten Hänge auskundschaften. Abseits der gemachten Pisten Tiefschneefahren üben bis die Wadl brennen. Nach einem stärkenden Mittagessen und einer ausgiebigen Rast noch ein paar Fahrten am Nachmittag bei schlechter werdenden Bedingungen absolvieren und das Ganze über den Winter verteilt 2-3mal wiederholen. Jedes Mal gibt´s dann ein Weizen im Iglu als Abschluss.

Du verstehst was ich dir mit dieser überspitzten Darstellung sagen will... ;)

 
3. Du hast nur eine Chance

Nichts ist verlockender als ein tief verschneiter noch unverspurter Hang. Und je steiler desto geiler sowieso. Und genau hier liegt das große ABER. Skitouren sind vielleicht die schönste Art des Bergsteigens. Anstelle des mühsamen Abstiegs wedelt man genüsslich ins Tal. ABER Skitouren erfordern viel Erfahrung, ein langsames Herantasten an die Materie Schnee und ein Lawinenlehrgang ist meiner Meinung nach unumgänglich. Ein Seminar oder ein Kurs ist sogar jedes Jahr empfehlenswert. Das ganze Thema ist so komplex, kompliziert und schwierig zu beurteilen, dass es extrem viele Lehrmeinungen, Methoden zur Bestimmung der Lawinengefahr und Auslegungsmöglichkeiten gibt. Es gibt aber niemanden der dir zu jeder Zeit sagen kann welcher Hang hält und welcher nicht. Fakt ist: In diesem Bereich hast du nie ausgelernt. Punkt. Entscheidest du in einen Hang einzufahren gibt es nur zwei Möglichkeiten: Er hält oder er hält nicht. Trifft letzteres ein wäre es besser du bist:

 
4. Niemals allein auf Skitour unterwegs

Diese Fakten werden als Erklärung reichen: In den ersten 15 Minuten überleben 90% der Verschütteten. Weitere 15 Minuten später nicht mal mehr die Hälfte. Bist du allein unterwegs wird man dich frühestens nach 2 Stunden vermissen. Wirst du idealerweise nach 3 Stunden lebend gefunden hast du einen 6er im Lotto geknackt. Also entscheidend sind die Ersten 15 Minuten:

 
5. Keine Chance ohne LVS, Schaufel und Sonde

Ohne die komplette Notfallausrüstung, zu der ein LawinenVerschüttetenSuchgerät, eine Schaufel sowie eine Sonde gehören, gibt es kaum eine Chance einen komplett verschütteten Freund innerhalb der alles entscheidenden 15 Minuten zu finden und auszugraben. Fehlt ein LVS Gerät muss mit einer Sonde gesucht werden. Wie gering die Chance auf einen Treffer ist muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Ohne Sonde kann nach dem lokalisieren mit dem LVS Gerät keine Feinsuche gemacht werden und jeder Zentimeter harter von der Lawine zusammengepresster Schnee der umsonst beiseite geschaufelt wird kostet viel zu viel wertvolle Zeit. Ohne Schaufel noch viel viel viel viel viel mehr. Bevor du dir also Gedanken über den richtigen Schuh, den leichtesten Ski und das beste Fell Gedanken machst, sollten die ersten Investitionen in ein LVS Gerät, eine Schaufel und eine Sonde getätigt werden. Um im Ernstfall einen Kameraden nach 15 Minuten aus einer Lawine zu befreien hilft es nur:

 
6. Suchen und ausgraben üben, üben, üben

Allen Vorsichtsmaßnahmen, defensiven Strategien und Einschätzungen der Lawinengefahr als sicher zum Trotz passiert es. Eine Lawine löst sich und verschüttet einen aus der Gruppe. Jetzt einen kühlen Kopf bewahren und erstmal nachdenken müssen was zu tun ist wird nur den Allerwenigsten gelingen. Besser der Ablauf wurde vorher schon zig Male geübt und trainiert. Wenn du auf Skitour bist, die Sonne scheint und es noch früh am Nachmittag ist: Warum nicht schnell eine LVS Übung machen? Nutzt jede Gelegenheit die ihr bekommen könnt um die Suche zu üben, damit im Ernstfall jeder sofort weiß was zu tun ist und die Abläufe automatisch von der Hand gehen. Spielt alles direkt vom Abgang der Lawine in der richtigen Reihenfolge durch.

 

Eine genauere Beschreibung der Vorgehensweise findest du der besseren Übersicht wegen in diesem Artikel.

 
7. Wähle dein Material mit bedacht

Hier scheiden sich die Geister: Die einen schwören auf Gewicht, die anderen wollen den maximalen Spaß bei der Abfahrt. Der Markt ist rießig und die Auswahl des richtigen Materials schwierig. Wie breit soll der Ski sein? Wie lang? Dreischnaller oder Vierschnaller? Bindung mit oder ohne Stopper? Gecko- oder Klebefell? Die komplette Ausrüstung ist teuer, jeder schwört auf etwas anderes.  Es gibt mehrere Geschäfte die es anbieten eine Ausrüstung für einen Winter zu leihen, mit der Option diese am Ende der Saison bei Bezahlung eines Restbetrags zu kaufen. Somit hat man die Möglichkeit ein Paket zu probieren und zu testen wie man damit zurechtkommt ohne gleich mehrere tausend Euro in den Wind zu schießen. Die komplette Ausrüstung ist verdammt teuer.  Empfehlenswert ist am Anfang sicherlich ein Mittelweg zwischen leichtem schmalen Aufstiegsski und einer breiten Powderlatte. Von Anfang an vergessen solltest du sogenannte Rahmenbindungen wo bei jedem Schritt die Hinterbacke mit angehoben werden müssen. Hier greifst du direkt zu den Pin-Bindungen am besten mit einem Stopper. Bei den Skischuhen hilft es nur zu probieren welcher zu deinem Fuß passt. Das ist der Wichtigste Teil der Ausrüstung. Hast du mit deinem Schuh schmerzen macht das Skitourengehen von Anfang an keinen Spaß. Grundsätzlich gilt: Je mehr Schnallen desto schwerer dafür aber stabiler in der Abfahrt ist der Schuh. Harscheisen kannst du im Laufe des Winters nachrüsten. Diese werden tendenziell ehern am Ende der Saison benötigt. Als Rucksack reichen 20-25 lt. vollkommen aus. Am besten der Rucksack besitzt ein eigenes Fach für die Schaufel und die Sonde und eine Halterung um die Ski zu montieren.

 
8. Plane deine Tour sorgfältig

Dann ist es endlich soweit. Die Erste Tour steht an. Bei der Planung und Auswahl der Tour solltest du folgendes berücksichtigen: Was sagt der Lawinenlagebericht (eine genauere Erklärung wie der Bericht zu lesen ist findest du in diesem Artikel)? Anhand des Berichtes kann die Tourenmöglichkeit bereits stark eingeschränkt werden. Schau dir die zu erwartenden Hangneigungen auf der Karte an. Hier solltest du unbedingt auch darauf achten was neben der Aufstiegs- und Abfahrtsspur ist. Liegt die Spur im Einflussbereich von steilen Hänge von denen Lawinen abgehen können? Welches Wetter ist zu erwarten? Temperaturen? Vor allem im Frühjahr ist eine entsprechende Zeitplanung und frühes Aufbrechen enorm wichtig. Im Artikel über Lawinen wird das Thema ausführlicher behandelt. Welche Strecke und Höhenmeter sind zu machen? Ist der Ausgangspunkt mit dem Auto im Winter überhaupt erreichbar? Viele Fragen gilt es vor dem Tourenstart zu klären. Am Anfang ist es ratsam deine Touren mit einem erfahrenen Skitourengeher zu planen. Womit wir bereits bei Tipp Nr. 9 wären:

 
9. Geh mit erfahrenen Skitourengehern

Am Anfang ist es sehr Empfehlenswert, wenn du dich einem erfahrenen Kollegen anschließt. Er kann dir jede Menge Inputs zur richtigen Technik im Aufstieg, Spitzkehren und dem richtigen Anlegen einer Aufstiegsspur geben. Das in einem Artikel zu erklären ist schwierig. Am Besten ist es das draußen in der Natur zu probieren und zu üben oder einen Kurs zu besuchen. Die Aufstiegsspur orientiert sich am Gelände und bezieht nicht nur die Hänge ein auf welchem sie entlangläuft, sondern auch alles was in ihrem Einzugsgebiet liegt. Lawinen können auch durch Fernauslösung von einem naheliegenden Hang abgehen. Lass dir alles erläutern und erklären. Warum hat er diese Tour gewählt? Warum verläuft die Aufstiegsspur so und nicht anders? Und so weiter und so fort. So lernst du am schnellsten und bist bald bereit, selbstständig eine Skitour zu planen und durchzuführen.

 
10. Sei ständig wachsam

Last but not least: Du hast alle 9 Tipps befolgt und bist auf einer von dir geplanten Tour mit Freunden unterwegs: Jetzt ist es wichtig, dass du dich nicht blind auf deine Tourenplanung und den Lawinenlagebericht verlässt. Dieser gibt nur einen groben Überblick über eine allgemein vorherrschende Situation. Jeder noch so kleine Hang muss auf der Tour individuell bewertet werden. Beobachte ständig das Gelände. Ist die Schneebeschaffenheit anders als erwartet? Sind Schwachschichten in der Schneedecke? War über Nacht Wind im Spiel? Gibt es Alarmzeichen? Verändert sich etwas mit zunehmender Höhe? In direkt nebeneinanderliegenden Tälern können bereits zwei komplett verschiedene Situationen vorliegen. Also sei ständig wachsam und flexibel. Beratet euch mehrmals alle gemeinsam, passt die Tour im Gelände ständig auf neue Begebenheiten an und hört auf euer Bauchgefühl.

 

Das Ganze ist extrem Aufwändig, umfangreich und kompliziert. Lass dir so viel wie möglich zum Thema Lawinen von Experten beibringen. Besuche Kurse und die ständig stattfindenden Lawinenvorträge. Ich habe noch ein paar zusätzliche Artikel zum Thema Skitouren, Tourenplanung und Lawinen geschrieben. Sie sollen dir einen groben Überblick geben und du kannst nochmal Sachen nachlesen. Das ist aber nur mein eigenes Wissen und meine Erfahrung und ich bin zwar ein begeisterter Skitourengeher aber Meilenweit von einem Experten entfernt.

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