Südtirolalpin

© by Andreas Brunner 2019

WETTER

Das Wetter in Bergen ist nicht so überraschend wie oft berichtet...

Das Wetter in den Bergen wird häufig unterschätzt. Kleinen Wölkchen türmen sich im Sommer innerhalb kürzester Zeit immer weiter auf und es entstehen heftige Gewitter. Kaltfronten bringen extreme Temperaturstürze binnen weniger Stunden mit sich. Schneefall im Sommer, Orientierungsprobleme durch plötzlich aufziehenden Nebel, rasant anschwellende Wasserläufe aufgrund von Starkregen und die Gefahr von Unterkühlung durch starken Wind der die nassen Kleider durchdringt. Dort oben geht alles ein bisschen schneller und fällt etwas heftiger aus als im Tal. Gute Ausrüstung und das Einholen einer oder mehrerer verlässlicher Wetterprognosen sind unerlässlich. Trotzdem sollte das Wetter auch unterwegs ständig beobachtet werden, da in den Bergen lokal oft eigene Gesetze gelten.

Gewitter über dem unteren Eisacktal - Südtirol

Alpine Gefahren die durch das Wetter hervorgerufen werden
  • Wind

    • Schneeverfrachtung (Lawinengefahr)

    • Steinschlag

    • Verständigungsschwierigkeiten (Seilkommandos)

    • Windchill Effekt (Starke Auskühlung – gefühlte Temperatur bei starkem Wind kann extrem werden)

    • Probleme bei Rückzug (z.B. Verkeilen der Seile beim Abseilen aus alpinen Kletterrouten)

  • Niederschlag

    • Neuschnee (Lawinengefahr, Orientierungsprobleme da Markierungen und Wege nicht mehr sichtbar sind)

    • Sturzbäche (z.B. in Wasserstreifen oder engen Schluchten in den Dolomiten)

    • Muren und Steinschlag

    • Absturzgefahr (Schnee, gefrierender Regen, Eisbildung)

    • Unterkühlung (Durchnässte Kleider)

  • Temperatur

    • Steinschlag (auftauender Permafrost)

    • Eisschlag

    • Lawinengefahr (Nassschnee)

    • Gletscherrückgang (Moränen, Steinschlag, Absturzgefahr)

    • Wettersturz (kälte)

  • Sonne

    • Starke UV Strahlung (Sonnenbrand)

    • Schneeblindheit (ohne Sonnenbrille auf Gletscher oder Schneefeldern)

  • Wolken

    • Einfluss auf Schneedecke (z.B. verhindert das Ausstrahlen im Frühjahr – Lawinengefahr)

    • Orientierungsverlust im Nebel

 

Berner Oberland - hohe Wolkenfelder kündigen die nahende Kaltfront an die auch die Wetterprognosen prognostiziert haben

Tourenplanung - Schwerpunkt Wetter

Die Gefahren die durch das Wetter in den Bergen hervorgerufen werden sind vielseitig, und meist treffen mehrere Faktoren gleichzeitig zu, dann wird aus einer harmlosen und einfachen Bergtour schnell ein Kampf mit den Elementen und im Extremfall um das eigene Überleben. In der Unfallstatistik in den Alpen gibt es leider viele Beispiele wo sich wahre Dramen abgespielt haben und viele Bergsteiger mussten aufgrund extremer Wettersituationen ihr Leben lassen. Die Ursachen und Gründe für jeden einzelnen dieser Unfälle sind individuell sicherlich sehr unterschiedlich, aber sehr viele dieser Tragödien hätten sich durch eine gewissenhafte und komplette Tourenplanung wahrscheinlich vermeiden lassen. Im Nachhinein wird oft berichtet: „Wurden vom Wetter "überrascht“, doch Wetterstürze und Gewitter treten nicht überraschend und ohne Vorwarnung auf. Folgendes gilt es bei der Tourenplanung zu berücksichtigen:

  • Wetterbericht

    • Verlässliche Prognosen sind nur für wenige Tage möglich

    • Verwende lokale Wetterdienste: Für jede Region der Alpen gibt es Besonderheiten, die nur lokale Wetterdienste durch das Jahrelange Sammeln von Informationen und Wissen in die Prognosen einfließen lassen.

    • Große Wetterseiten verwenden ein sehr weitmaschiges Netz um Daten zu sammeln und Prognosen zu erstellen. Das funktioniert vielleicht in flachen Gegenden aber in den Bergen werden Luftströme viel stärker beeinflusst und das Wetter ist wesentlich komplexer vorherzusagen.

    • Hol dir mehrere Wetterprognosen verschiedener Wetterdienste

    • Im Text sind wichtige Informationen – schau dir nicht nur die Wettersymbole an

    • Wie hoch liegt die erwartete Wolkendecke (z.B. Kachelmann bietet diese Information)

    • Mit welchen witterungsbedingten Gefahren muss auf Tour gerechnet werden

    • Wie war das Wetter der letzten Tage (Wind, Temperatur, Niederschläge – Lawinengefahr?)

    • Webcams liefern ebenfalls gute Informationen da man sich auch direkt selbst ein Bild machen kann

    • Vorsicht bei „Tourismuswetter“ – hier wird des lieben Geldes wegen gern beschönigt

  • Karten und GPX Daten

    • Kommst du in den Nebel bist du ohne Kartenmaterial komplett orientierungslos. Vor allem auf Gletschern oder Schneefeldern.

    • Noch besser ist ein GPX Track oder zumindest die Koordinaten von wichtigen Punkten (Hütte, Parkplatz, Weggabelungen) die du anpeilen kannst

  • Routenwahl

    • Passe deine Route an: herrscht Gewittergefahr? Dann besser nicht die lange Alpinroute klettern, die beim Abstieg durch eine enge Schlucht führt

    • Gibt es Unterschlupf entlang der Tour im Falle eines Wetterumschwungs?

    • Sind bestimmte Routen - z.B. auf Gletschern - aufgrund des Klimawandels noch möglich? (Steinschlag, Eisschlag, Steilheit)

  • Persönliche Kondition und Erfahrung

    • Bin ich der Tour gewachsen

    • Habe ich im Falle von Wetterumschwüngen noch Reserven

    • Habe ich die nötige Erfahrung und das Wissen um bei extremen Verhältnissen zu bestehen

  • Ausrüstung

    • Regenschutz und warme Kleidung muss bei jeder Tour dabei sein

    • Lieber zu viel als zu wenig – ohne zu Übertreiben

    • Kleinigkeiten wie Mütze, Handschuhe und Rettungsdecke wiegen nichts und sind im Extremfall eine riesen Hilfe

    • Steigeisen sind oft eine sinnvolle Ausrüstung (vor allem im Frühjahr)

    • Sonnenschutz – UV Strahlung ist nicht zu unterschätzen – auch im Winter

 

starker Wind führt zu Schneeverfrachtungen und die Lawinengefahr steigt

Das Wetter Unterwegs checken

Unterwegs die Entwicklung zu beobachten ist unerlässlich. Das kann anhand von aktualisierten Informationen der Wetterdienste passieren. Dafür braucht es aber eine Internetverbindung um die Daten in den Apps aufzurufen. In den Bergen jedoch keine Selbstverständlichkeit, dass überall mit Handyempfang zu rechnen ist. Falls das jedoch möglich ist können wichtige und am aktuellen Standort vielleicht noch gar nicht sichtbare Informationen aufgerufen werden: Der Regenradar zeigt an, wo es bereits Niederschläge gibt, in welche Richtung diese ziehen und mit welcher Geschwindigkeit. Blitzaktivitäten deuten auf aktuelle Gewitterzellen hin. Das Sichtfeld ist in den steilen Wänden oft sehr eingeschränkt und ein Gewitter, das von der falschen Seite kommt, erst dann erkennbar wenn es längst zu spät ist. Gibt es kein Handynetz hilft nur die Entwicklung der Wolken, des Windes oder der Temperatur selbst zu beobachten und einzuschätzen. Als Laie sind die einzelnen Wetterzeichen allerdings oft schwierig zu deuten.

Einige Alarmzeichen können sein:

  • Wärmegewitter

    • Auftürmende Wolken und schnelle Wolkenentwicklung (Gewitter)

    • Schwül-Warme Luft bereits am Morgen

    • Morgendunst

  • Im Gewitter

    • Böiger Wind

    • Surren

    • Haare stehen zu Berg

    • Elmsfeuer

    • Niederschlag (Starkregen, Graupel, Hagel)

  • Kaltfront

    • Oft als graue stehende Wolkenwand in großer Höhe am Horizont erkennbar

    • „steht“ nur scheinbar – bewegt sich mit 30-100 Stundenkilometern

    • Das zeitliche Eintreffen kann gut vorhergesagt werden

 

Weissmieß - Eine Kaltfront trifft ein

  • Wind

    • Der Wind weht Talaufwärts: deutet auf ungestörte Verhältnisse hin.

    • Der Wind weht das Tal hinab: deutet auf Kaltluft durch ein nahendes Gewitter hin.

    • Mit der Höhe zunehmender Wind deutet auf Föhn hin, der meist Gewitterunterdrücken ist.

    • Linsenförmige Wolken deuten auf sehr starken Wind in der Höhe hin.

Föhnlinsen deuten auf starken Wind in der Höhe hin

Verhalten bei Wetterstürzen und Gewitter

Am besten man Plant die Tour so, dass man rechtzeitig zurück ist. Wärmegewitter entstehen meistens erst am Nachmittag. Wenn man trotzdem früher als erwartet in ein Gewitter gerät werden in den Bergen folgende Verhaltensregeln empfohlen:

  • Verlasse Grate und Gipfel. Aber setz dich dabei nicht Steinschlaggefahr und Wasserströmen (elektrischer Leiter!) aus.

  • Meide Drahtseile, einzelne Bäume, Stromleitungen, Seilbahnen und Skilifte.

  • Weg von Seeufern, Brücken und heraus aus wasserführenden Rinnen. Möglichst trockenen Boden aufsuchen.

  • Größere Felshöhlen und Mulden können Sicherheit bieten; kleine Nischen und Überhänge können jedoch gefährlicher sein als das offene Feld.

  • Nahe einer Felswand gibt es ein relativ sicheres Dreieck, dessen Seitenlänge am Boden der Höhe der Wand entspricht. Halten Sie mindestens 3-5 Meter Abstand von senkrechten Wänden, aber setzen Sie sich nicht Steinschlag aus.

  • Ein schütterer Wald mit niedrigen Bäumen ist sicherer als eine freie Lichtung.

  • Über den Rucksack oder die Schulter ragende Ski, Eispickel, Skistöcke oder Antennen können als Blitzableiter fungieren — diese daher abseits legen.

  • Alle weiteren Metallobjekte ebenfalls weglegen. Handys sollten in der Mitte des Rucksacks verstaut werden.

  • Sichere dich! Und zwar auch an scheinbar sicheren Stellen, um bei Blitzschlag nicht weggeschleudert zu werden. Am besten mit einer karabinerlosen Seilverbindung, die unterhalb des Herzens endet. Vorsicht: Nasse Seile sind elektrische Leiter.

  • Wenn ein Klettersteig nicht verlassen werden kann, dann von einem einzelnen Fixpunkt weg eine Sicherung aufbauen.

  • Behalte den Helm auf, nicht nur wegen der Steinschlag-, sondern auch wegen der Anprallgefahr bei Blitzschlag.

  • Direkt im Gewitter: Aussitzen, keine Bewegung mehr! Mit geschlossenen Beinen Kauerstellung einnehmen und den Boden mit der kleinstmöglichen Fläche berühren, um Schrittspannung zu vermeiden. Auf eine isolierende Unterlage setzen (Biwaksack, Rucksack, Seil). Auf der Haut anliegende Halsketten oder Ähnliches abnehmen wegen Verbrennungsgefahr.

  • Mehrere Personen sollten voneinander Abstand halten, um Bodenströme und Seitenblitze zwischen den Personen zu vermeiden.

  • In einer Hütte Fenster und Türen schließen, nicht aus dem Fenster lehnen oder in der offenen Tür stehen. Die Metallwand einer Biwakschachtel nicht berühren.

Quelle: Walter Fimml, Icar Medcom

 

Foto: Georg Kantioler

Ich hoffe dass du mit diesen Infos und Tipps nicht mehr so leicht vom Wetter in den Bergen "überrascht" wirst. Eine defensive Planung um schlechtem Wetter von vornherein auszuweichen ist sicher keine Schande wenn man die extremen Bedingungen, in den Bergen einmal miterlebt hat. Und falls es trotzdem passiert, muss zumindest die Ausrüstung und die Tourenvorbereitung passen, um sicher wieder nach Hause zu kommen.

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